Umsiedlung gefährdet die kanadischen Innu

 
Der Innu George Rich spricht mit Survival über die schlechte Gesundheit und die Probleme seines Volkes, die nach einem Programm erzwungener Umsiedlung folgten.
Shoashim Nui, ein Älterer der Innu. Er ist der begabteste Schreiner der Gemeinschaft. Er hält ein Paar seiner berühmten Schneeschuhe in der Hand

Shoashim Nui, ein Älterer der Innu. Er ist der begabteste Schreiner der Gemeinschaft. Er hält ein Paar seiner berühmten Schneeschuhe in der Hand
© Dominick Tyler/Survival

Wie lange haben die Innu schon im Nordosten Kanadas gelebt?

Die Innu leben in dem Land, das wir Ntessinan nennen, bereits seit Tausenden Jahren. Wir reisen dabei umher zwischen dem Landesinneren und den Küsten im Sommer.

Mein Großvater kommt aus dem Inneren von Ntessinan (“unser Land”) und hat den größten Teil seines Lebens in Nutshimits (“das Land”) gelebt. Als Händler und Missionare die Küste erreichten, ließen wir uns in einem kleinen Dorf nieder, um dort mit den Menschen Handel zu betreiben.

Die Innu folgen den Wanderungen der Karibu-Rentiere, besonders weil das Wild unsere Hauptnahrungsquelle ist. Wir wissen wo die Tiere kalben und wo sie überwintern.

Fast jeder Ort hier hat einen Innu-Namen.

Die Innu sind Jäger. Wie überleben sie unter schwierigen Bedingungen?

Wir haben ein unglaubliches Wissen über die Gegebenheiten des Landes, das Klima, die Landschaft und wo sich die Tiere befinden.

Dieses Überlebenswissen reichen wir an unsere Kinder weiter. Es ist sehr wichtig für sie, da sie sehr oft auf sich allein angewiesen sind.

Können Sie uns ein Beispiel für einen besonderen Hinweis nennen, auf dem sie in Nutshimits achten?

Offenes Wasser in einem See bedeutet meist, dass im Frühling viele Enten und Gänse dort sein werden. Viele Möwen weisen auf einen großen Fischbestand hin und abgebrochene Zweige sind ein Zeichen dafür, dass Bären nicht weit sind.

"Ein Innu-Lager am Black Fish Lake, eine Tagesreise von Natuashish entfernt und auf dem Weg zu Jagdgründen im Norden und Westen."

"Ein Innu-Lager am Black Fish Lake, eine Tagesreise von Natuashish entfernt und auf dem Weg zu Jagdgründen im Norden und Westen."
© Dominick Taylor/Survival

Können Sie das Land beschreiben, von dem Ihre Familie stammt?

Ich lebe zur Zeit in Natuashish, an der Küste von Labrador. Die Gegend ist gesäumt von Nadelwäldern und Bergen. Weiter im Landesinneren beginnt die Tundra, in der es spärlicher bewachsenes Land gibt. Hier jagt mein Volk Karibus.

Ich bin auf Nutshimits aufgewachsen bis ich 15 war. Bevor 1969 die neue Siedlung Davis Inlet gebaut wurde, lebte ich in einem Zelt. Die kanadische Regierung wollte unsere Leute ansiedeln, um unsere Kinder wie die Weißen zu erziehen.

Meine Eltern versuchten unseren Lebensstil beizubehalten, bis wir Ende der 70er unser Haus bekamen. Dann wurden wir gezwungen zur Schule zu gehen. Ich erinnere mich an ein Mal, wo mein Vater uns aus der Schule nahm, um mit uns zu dem Herbstcamp der Innu zu gehen. Unser Lehrer folgte uns nach Hause und nahm uns wieder mit zur Schule.

Wie wichtig ist das Land ihrer Ahnen spirituell für die Innu?

Viele Ältere haben uns gelehrt, dass das Land ein Teil unseres Lebens ist.

Ohne das Land ist man nichts. Tiere, Pflanzen und alles andere, das mit dem Land verbunden ist, sind Symbole für die Identität der Innu – davon, was dich als Menschen ausmacht.

Welche Bedeutung hat das Karibu für die Innu?

Das Karibu ist die Lebensgrundlage der Innu. Wir brauchen das Fleisch als Nahrung sowie Haut und Fell für Kleidung und Zelte.

Unsere Legenden und Geschichten drücken Dankbarkeit und Respekt gegenüber diesem Tier aus. Auch heute noch, im 21. Jahrhundert, feiern wir das Karibu, indem wir es auf unserem Gemeinschaftslogo und unserer Flagge zeigen.

"Die Älteste Manishai Nui schneidet Äste, um eine alte Route zu den Jagdgründen im Norden und Westen von Natuashish frei zu machen."

"Die Älteste Manishai Nui schneidet Äste, um eine alte Route zu den Jagdgründen im Norden und Westen von Natuashish frei zu machen."
© Dominick Tyler/Survival

Können Sie uns etwas über das traditionelle Wissen der Innu über ihre natürliche Umgebung erzählen?

Es gibt Teile von Pflanzen und Tieren, die für medizinische Zwecke genutzt werden, wenn die Menschen krank sind und Husten, Grippe oder Gliederschmerzen haben.

Die Innu-Frauen sammeln im Spätsommer und Frühling immer Beeren und lagern sie für den Winter ein. Die Galle des Bären kann für mehrere Dinge gebraucht werden, zum Beispiel, um eine Infektion zu stoppen. Dafür wird die Flüssigkeit auf der Wunde verteilt. Das Fett von Robben ist nützlich bei Erkältungen und Grippe. Es wird in Öl geschmolzen und kranke Leute trinken es dann. Das schwarze Gewächs an Steinen wird zu Puder verarbeitet und dann zu Getränken eingekocht.

Meine Mutter hat mir einmal erzählt, dass mein verstorbener Bruder viele Warzen an den Händen hatte. Sie hat ihn zu einem Älteren mitgenommen und der hat sie dann geschickt, eine Maus zu töten und sie ihm zu bringen. Das Blut der Maus wurde dann auf den Warzen verteilt und einige Tage später waren sie verschwunden.

Welche Veränderungen können Sie heute auf dem Land bemerken, die womöglich durch den Klimawandel hervorgerufen werden?

In den letzten Jahren haben wir eine plötzliche Veränderung im Wetter bemerkt. Es regnet nun in den Wintermonaten. Im Frühjahr und späten Winter wird es oft tagelang extrem kalt. Das führt zu Problemen in der Tierwelt.

Einmal ist ein Schwarzbär zum Beispiel mitten im Winter aus seiner Höhle aufgetaucht, nachdem es Tage lang geregnet hatte. Der Bär ist dann verhungert, weil es zu dieser Zeit keine Nahrung zu finden gab.

"Innu mit Kindern."

"Innu mit Kindern."
© Adam Hinton/Survival

Welche Fähigkeiten bringen Sie Kindern heute bei?

Heute werden die Jungen von den Älteren raus auf das Land mitgenommen und lernen dort traditionelle und für unsere Lebensweise sehr wichtige Fähigkeiten wie Jagen oder Kanu fahren. Außerdem lernen sie, wie man ein Tier erlegt und richtig ausnimmt.

Ein Karibu muss man zum Beispiel ganz besonders ausnehmen. Wenn man es ohne Respekt zerschneidet, beleidigt man seinen Geist. Deswegen muss man die Knochen und den Kopf besonders legen, um den Geist zu respektieren. Das Knochenmark sollte mit dem größten Respekt behandelt werden.

Jedes Jahr im Frühling findet eine Versammlung statt, bei der die Jugend lernt, auf dem Land zu überleben.

Sprechen Sie Innu-Aimun?

Das ist meine Muttersprache, ich spreche sie Zuhause zu 99%. Deine Sprache gibt dir Identität, es ist Teil deines Erbes und des Daseins als Innu.

Wie fassen die Innu die Beziehung von Mensch und Natur auf?

Die Beziehung beruht zum größten Teil auf Respekt. Als junger Mann wurde mir beigebracht, die Natur und damit Schnee, Wasser, Feuer und Tiere zu respektieren. Ich habe diese Elemente genauso zu achten, wie jeden anderen Menschen.

Was ist in den 1960ern passiert? Wie hat die Regierung die Innu dazu gebracht, in die Siedlungen zu ziehen?

Dies war ein Komplott der Regierung, die Innu anzupassen und sie von ihrem Heimatgebiet zu vertreiben. Sie wollten uns kontrollieren und uns zu etwas anderem machen, als wir eigentlich waren.

Sie haben Missionare geschickt, die uns den Teufel austreiben sollten, um uns somit zu guten Christen zu bekehren. Das hat aber nicht funktioniert.

Als sie es geschafft hatten, uns von unserem angestammten Land zu verdrängen, haben sie es geflutet und die Wälder abgeholzt.

Wir wurden eingepfercht und mussten die Regierung um Almosen anflehen.

"Geschmuggelter Whiskey wird in einem Keller in Natuashish eingeschenkt. Gefangen zwischen zwei Welten, kämpfen die meisten jungen Innu mit Alkohol- und Drogenproblemen."

"Geschmuggelter Whiskey wird in einem Keller in Natuashish eingeschenkt. Gefangen zwischen zwei Welten, kämpfen die meisten jungen Innu mit Alkohol- und Drogenproblemen."
© Dominick Tyler/Survival

Wie hat diese Erfahrung das Selbstwertgefühl und die Identität der Innu beeinflusst?

Was kann man machen, wenn einem beigebracht wird, dass seine Art zu leben schlecht ist? Welche Chancen hat man, wenn man dazu gezwungen wird, dieses neue Leben zu führen? Als ungebildeter Arbeitsloser unter Weißen kann man dort weder mithalten, noch bleibt einem die Verbindung zum alten Leben. Man ist nun ungebildet in beiden Welten – Innu und Nicht-Innu.

Die einzige Möglichkeit, die einem bleibt, ist es sich der Flasche der Zerstörung hinzugeben.

Was sind die Auswirkungen und die gegenwärtigen Probleme, die durch die Anpassung entstanden?

Wir hatten einst gut funktionierende und starke Gemeinden. Aber heute sind wir unzufrieden damit, auf die traditionelle Weise zu leben. Wir haben Gemeinden geschaffen, die sich überhaupt nicht mehr wie Gemeinden anfühlen. Jeder verfolgt seine eigenen Ziele.

Manche glauben an eine Zukunft, in der Innu-Gemeinden mehr in der Gesellschaft der Weißen leben, in der das Geld wie ein Fluß in die Taschen der Innu fließt.

Die Lebensweise der Innu wird sehr schwer aufrecht zu erhalten sein. Es gibt Programme, die dabei helfen sollen, aber die sozialen Probleme in den Gemeinschaften sind sehr gravierend.

Was ist Ihrer Meinung nach der Grund, warum die Selbstmordrate unter den Innu zu den weltweit höchsten zählt?

Wenn ich jetzt daran zurück denke, glaube ich, dass einige weiße Lehrer und Priester die Kinder an unserer Schule sexuell missbraucht haben.

Für uns waren die christliche Religion und das Schulsystem verwirrend, im Vergleich zu dem, was wir zu Hause lernten. Deswegen haben wir geglaubt, dass wir wertlos sind und nichts mehr haben, für das es sich lohnt zu leben.

Die fortschreitende Assimilierung der Innu hat einen großen Einfluss auf unsere Jugend. Viele von ihnen besitzen keinen Respekt vor sich selbst.

Wir führen ein Leben, das nicht existiert. Wir sind gefangen zwischen zwei Welten. Unser Leben hat die Verbindung zum Land und den Tieren verloren.

"Ein junger Innu schaut aus dem Fenster eines der staatlichen Gebäude, in denen sie sich ansiedeln mussten."

"Ein junger Innu schaut aus dem Fenster eines der staatlichen Gebäude, in denen sie sich ansiedeln mussten."
© Adam Hinton/Survival

Es gibt viele falsche Vorstellungen über indigene Völker. Was ist ihre Nachricht an die Menschen mit solchen überholten Einstellungen?

Es ist schwer, Dinge abzuschaffen, die indigenen Völkern schaden.

Bildung ist die Antwort. In jeder Gesellschaft mangelt es an dem Verständnis für andere Kulturen und Religionen. Aber man muss diese erfahren und sie als gleichwertig gegenüber jeder anderen Gesellschaft akzeptieren.

In der Kultur der Innu wird jeder erhört, das Kind bis zu dem Ältesten der Gemeinschaft. Wir glauben daran, dass jeder etwas beizutragen hat.

Wenn Sie eine Botschaft an andere indigene Völker von Afrika bis zur Arktis, die die gleichen Probleme wie die Innu haben, richten könnten, was wäre dies?

Lasst uns das Bewusstsein aufrechterhalten und die Öffentlichkeit weiterhin darüber informieren, was mit den indigenen Völkern dieser Welt passiert.

Der Verlust des Lebensstils und der Sprache sind die ersten Zeichen des Verlustes der eigenen Kultur. Wir müssen indigene Lebensweisen zum Überleben aller Menschen bewahren.

Es gibt noch viele mitfühlende Menschen. Sie können helfen, diese Welt zu ändern.

 

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