Michael Dingake: Eine einzigartige Sichtweise

 
Michael Dingake wurde im heutigen Botswana geboren, schloss sich aber als Aktivist dem Afrikanischen Nationalkongress (ANC) in Südafrika an. 1965 wurde er verhaftet, gefoltert und anschließend zusammen mit Nelson Mandela auf Robben Island inhaftiert. 1981 wurde er entlassen. 1987 veröffentlichte er seine Autobiografie Mein Kampf gegen Apartheid.
Als langjähriger Kolumnist für die botswanische Tageszeitung _Mmegi_ schreibt, Michael Dingake immer wieder über das Leid der Buschleute.

Als langjähriger Kolumnist für die botswanische Tageszeitung _Mmegi_ schreibt, Michael Dingake immer wieder über das Leid der Buschleute.
© Michael Dingake/Survival

Ein Profil des ANC erklärt: „Dingake sah sich in erster Linie als Afrikaner, der pflichtbewusst für die Befreiung der Afrikaner auf ihrem eigenen Kontinent kämpfte.“

Dingake ist ein langjähriger Kolumnist für Botswanas Zeitung Mmegi, worin er regelmäßig über das Leid der Buschleute – oder Basarwa, wie sie in Botswana auch genannt werden – berichtet.

Survival befragte ihn zu seinen Ansichten über das Leid der Buschleute.

Bitte erzählen Sie uns zuerst über Ihr Engagement im Anti-Apartheid-Kampf.

Mein Engagement im Anti-Apartheid-Kampf begann 1952, als ich der vom ANC angeführten Widerstandskampagne gegen ungerechte Gesetze beitrat. Auch wenn sie im Bechuanaland-Schutzgebiet [heutiges Botswana] geboren waren, waren Batswana [Menschen aus Botswana], die schulische Bildung wollten, von der damaligen Südafrikanischen Union abhängig, weil Bildung nur in den Missionsschulen der Union angeboten wurde. Südafrika bot den Batswana auch Arbeitsplätze in den Minen, auf den Farmen, in Privathaushalten und den im Aufschwung begriffenen Fertigungshallen der Nachkriegszeit.

Eines der „ungerechten Gesetze“ waren die Passierschein-Gesetze (pass laws), welche schwarze Afrikaner de facto zu Sklaven in ihrem eigenen Land machten. Afrikaner wurden schikaniert, wo auch immer sie sich aufhielten, ob auf der Straße, am Arbeitsplatz, oder zu Hause. Ab 23 Uhr standen sie unter dauerhafter Ausgangssperre – ab diesem Zeitpunkt durften sie nicht in den Geschäftsvierteln oder von Weißen bewohnten Gegenden sein! Afrikaner hatten kein Mitbestimmungsrecht an den Geschicken des Landes, weil sie kein Stimmrecht besaßen. Das aus Weißen bestehende Parlament machte und verabschiedete alle Gesetze, welche das Leben der „Einheimischen“ betrafen und diese widerspruchslos zu befolgen hatten.

1960 wurde der ANC verboten, entschied sich aber, ungeachtet des Verbots im Untergrund weiterzuarbeiten. Mit meiner Leidenschaft gegen die weiße Vorherrschaft folgte ich dem ANC in den Untergrund und lebte im Geheimen, um dem Kollektiv zu dienen, das den ANC im Untergrund lenkte. Fünf Jahre nach dem Verbot wurde ich für Aktivitäten nach Botswana beordert. Die Überwachung durch den südafrikanischen Sicherheitsapparat folgte mir nach Botswana. Im Dezember 1965 fingen mich ihre Agenten aus Rhodesien [heute Zimbabwe] im Zug nach Lusaka auf dem Weg zu einem ANC-Treffen ab.

Ich wurde unter Berufung auf Notstandsgesetze festgenommen und nach 30 Tagen Haft im Khami-Gefängnis in der Nähe von Bulawayo illegal nach Südafrika „deportiert“. Dort wurde ich aufs Schwerste gefoltert, angeklagt und verurteilt wegen Spionage und Verwicklung in Aktivitäten verbotener Organisationen in der Republik Südafrikas.

Mein Einwand, illegal festgenommen worden zu sein, wurde ignoriert. Richter Viljoen verurteilte mich zu 15 Jahren, die ich bis auf den Tag genau absaß (6. Mai 1966 bis 5. Mai 1981, ohne Straferlass!). Nach meiner Entlassung wurde ich nach Botswana ausgebürgert.

Wann wurden Sie zum ersten Mal auf die Diskriminierung der Basarwa in Botswana aufmerksam?

In frühester Kindheit, bevor ich nach Südafrika ging. Basarwa wurden von anderen Batswana in Bechuanaland als Untermenschen behandelt. Sie wurden allgemein diskriminiert und von oben herab betrachtet. Kinder wuchsen in einem Umfeld auf, in welchem Basarwa verachtet und als andere Spezies angesehen wurden. Sie verrichteten niedere Arbeit, hauptsächlich als Viehtreiber bei den Rinderposten anderer Batswana. Barsawa arbeiteten auch beim Rinderposten meines Vaters, aber er behandelte sie als Menschen und lehrte mich, sie zu respektieren.

Größtenteils machte die Versklavung der Basarwa sie gegenüber anderen Batswana unterwürfig. Die generationenlange physische Unterdrückung der Batswana führte zu ihrer geistigen Unterwürfigkeit und Assimilierung. Die nicht-assimilierten Barsawa zogen sich in abgelegene Gebiete zurück, in denen sie glaubten, in Ruhe gelassen zu werden.

Warum, glauben Sie, behandelt die Regierung die Barsawa auf diese Weise?

Ich denke, die Regierung behandelt sie so, weil sie weiß, dass es wenige Barsawa gibt und sie keine Stimme in Regierungsinstitutionen haben. Einige Batswana verachten die Basarwa auch weiterhin und haben kein Mitgefühl für ihre Misshandlung. Da ihnen nicht bewusst ist, diskriminiert zu werden, haben die Basarwa vielleicht nicht von Survival International und Basarwa-Anwälten wie [Gordon] Bennett gehört, die sich für sie stark machen.

Botswanas Buschleute sehen sich seit mehr als zehn Jahren Schikanen und Einschüchterungen seitens der Regierung ausgesetzt.

Botswanas Buschleute sehen sich seit mehr als zehn Jahren Schikanen und Einschüchterungen seitens der Regierung ausgesetzt.
© Dominick Tyler/Survival

Was ist Ihre Botschaft an die Regierung bezüglich der Basarwa?

Hört auf, die Basarwa zu schikanieren. Behandelt sie mit Respekt. Holt ihren Rat ein, wann immer ihr etwas für sie tun wollt. Macht alles, was auch immer ihr Leben betrifft, mit ihnen zusammen. Zwingt ihnen nichts auf; sie wissen genau, was gut für sie ist. Sie haben keine bösen Absichten gegenüber anderen Batswana im Land.

Welche Veränderungen, wenn überhaupt, haben Sie in den vergangenen 20 Jahren festgestellt hinsichtlich der Einstellung der Öffentlichkeit und der Medien Botswanas gegenüber den Basarwa?

Veränderungen sind da, auch wenn sie nicht hervorstechen. Die Medien berichten ständig über Ereignisse, die mit den Basarwa zu tun haben. Das ist ermutigend. Eine Organisation namens Reteng, welche für Minderheitenrechte in Botswana kämpft, zählt Basarwa zu ihren Mitgliedern. Das zeigt, dass es positive Entwicklungen gibt. Aber man würde erwarten, dass eine Organisation wie Reteng aktiv Kampagnen betreibt, um Schadenersatz für Basarwa zu erwirken, insbesondere was das Thema der Vertreibungen betrifft.

Wie sollten die Menschen Botswanas Ihrer Ansicht nach die Basarwa unterstützen?

Die Menschen Botswanas haben das Glück, so eine engagierte Organisation wie Survival International zu haben, die an der Seite der Basarwa – und damit auch auf ihrer Seite – kämpft, da dieses Thema ihr allererstes Anliegen sein sollte. Die Batswana müssen sich mehr mit dem Leben und den politischen Belangen der Basarwa vertraut machen, um sich für ihre vollen Rechte einzusetzen. Ich schlage vor, dass vielleicht Reteng und Survival zusammenarbeiten, da sich die Anliegen beider Gruppen hinsichtlich der Basarwa ähneln.

Welche Rolle kann Ihrer Ansicht nach die internationale Gemeinschaft spielen?

Die internationale Gemeinschaft kann eine große Rolle hinsichtlich der Basarwa spielen mittels diplomatischer Kontakte. Ausländische Vertreter sollten Basarwa-Gebiete aufsuchen, um mit ihnen zu sprechen, um ihre Anliegen zu hören, um zu verstehen, wie sie überleben. Sie könnten die Klagen der Basarwa an die störrische Regierung der Demokratischen Partei Botswanas (BDP) übermitteln. Vor einigen Jahren tat ein britischer Hochkommissar genau das; ich weiß nicht, ob das der Grund war, weshalb seine Amtszeit verkürzt würde!

1987 veröffentlichte Dingake seine Autobiografie „Mein Kampf gegen Apartheid“.

1987 veröffentlichte Dingake seine Autobiografie „Mein Kampf gegen Apartheid“.
© Michael Dingake/Survival

Denken Sie, dass Boykotts eine ähnliche Botschaft wie die Sanktionen gegen das Apartheid-Regime Südafrikas senden können?

Ein Boykott ist eine zweischneidige Sache. Er hat Folgen für die Wirtschaft und trifft somit Unschuldige. Die gewissenlosen Damen und Herren, die am Ruder sitzen, merken nichts davon. Die Unternehmen, von denen die Durchschlagskraft eines Boykotts abhängt, tun sich schwer damit, ihren Einfluss zugunsten so einer Aktion spielen zu lassen. Vielleicht lassen sie sich in die Irre führen aufgrund von Falschinformationen und Propaganda seitens der Regierung, welche die Öffentlichkeitsarbeit der Kampagnenbetreiber überfordern würde. Angenommen, eine Boykott-Kampagne griffe um sich und würde zum Tagesgespräch der Batswana, der örtlichen und internationalen Medien, das wäre großartig. Das soll nicht heißen, es wäre sonst zwecklos. Das soll heißen, die Wirkung des Boykotts – abgesehen von seiner Zweischneidigkeit – ist langsam, mühevoll und bedarf Zeit, systematischer Initiative und Mahnung zur Geduld!

Der kürzeste Weg ist meiner Meinung nach Regime-Wechsel. Es könnte innerhalb eines Jahres passieren, bei den Landeswahlen im nächsten Jahr zum Beispiel! Oppositionsparteien brauchen keine Ausländer, die sie aufklären, dass die Basarwa schikaniert und unterdrückt werden! Sie wissen das selber und brennen darauf, das Heft in die Hand zu nehmen, sobald sie an der Macht sind.

Warum, glauben Sie, hat die Regierung die Basarwa aus dem Central Kalahari Game Reserve (CKGR) vertrieben?

Offensichtlich um Diamanten abzubauen!

Warum, glauben Sie, hat die Regierung das Urteil des Obersten Gerichtshofes von 2006 so eng ausgelegt?

Um weiterhin die Einwohner des CKGR dazu zu drängen, das Gebiet „freiwillig“ zu verlassen. Die Regierung fühlt sich an die Rechtmäßigkeit des Urteils gebunden, nicht aber an die Moral des Urteils. Die Regierung kann weder ihre Gleichgültigkeit verstecken, noch ihre Entschlossenheit, am Ende doch noch den Sieg davonzutragen!

Die Regierung hat keine einzige Sonderjagdlizenz (SGL) für das Reservat ausgestellt, trotz des Urteils des Obersten Gerichtshofs von 2006, welches das Jagdrecht der Basarwa im CKGR anerkennt. Welche Folgen wird Ihrer Ansicht nach das de facto Jagdverbot seitens der Regierung für die Basarwa haben?

Das Jagdverbot ist ein weiteres Druckmittel, um die Basarwa aus dem CKGR zu vertreiben. Ohne Jagd werden die Basarwa sprichwörtlich bis zur Aufgabe ausgehungert. Die Umstände werden die Basarwa zur Wilderei zwingen und somit in die grausamen Hände der Wildhüter, denen es eine wahre Freude bereitet, die Basarwa zu misshandeln.

Wie sind Ihrer Einschätzung nach die tatsächlichen Auswirkungen des Jagens im CKGR?

Geringfügig. Seit Ewigkeiten leben die Basarwa im CKGR und sie haben keine Tiere ausgerottet. Sie wissen sehr gut, wie man Tierbestände bewahrt, das haben sie seit Ewigkeiten getan. Sie brauchen niemanden, der sie in Sachen Wildbewahrung eines Besseren belehrt.

Botswanas Buschleute sind mit Gewalt aus ihrem angestammten Gebiet vertrieben worden. Heute werden die Jäger und Sammler regelmäßig wegen des Jagens von Tieren für ihren Lebensunterhalt verhaftet.

Botswanas Buschleute sind mit Gewalt aus ihrem angestammten Gebiet vertrieben worden. Heute werden die Jäger und Sammler regelmäßig wegen des Jagens von Tieren für ihren Lebensunterhalt verhaftet.
© Survival International

Das von der Regierung verhängte Erlaubnisschein-System (laut welchem die Basarwa, die nicht als Antragssteller beim Verfahren des Obersten Gerichtes im Jahre 2006 beteiligt waren, aber die selben verfassungsgemäßen Aufenthaltsrechte im CKGR besitzen, Erlaubnisscheine von einmonatiger Gültigkeitsdauer beantragen müssen, um ihr Zuhause und ihre Familien zu besuchen) ist mit den Passierschein-Gesetzen des Apartheid-Regimes Südafrikas verglichen worden, weil in beiden Fällen Familien auseinandergerissen wurden und werden. Finden Sie, dass beide Fälle vergleichbar sind?

Ja, das Erlaubnisschein-System, dem die Basarwa unterworfen sind, kann mit dem System des Passierschein-Gesetzes in Verbindung gebracht werden. Beim Passierschein-Gesetz mussten Afrikaner, wie die Bantu, diesen Passierschein immer bei sich tragen, egal, wohin sie gingen. Die Polizei konnte einen jederzeit überall anhalten, um den Schein zu verlangen. Im Schein musste drinstehen, wo man arbeitete und ob eine Arbeitserlaubnis für die Arbeit vorlag, die gerade ausgeführt wurde. Im Schein musste drinstehen, woher man kam, ob man auf der Suche nach Arbeit war, und ob man Erlaubnis hatte, dort nach Arbeit zu suchen, wo man gerade aufgegriffen wurde. Wenn man ein Stadtgebiet besuchte, musste im Schein stehen, ob und wie lange dieser Besuch gültig war. Das Dokument musste einwandfrei sein, wenn es von der Polizei verlangt wurde, andererseits wurde man eingesperrt! Die Passierschein-Gesetze nahmen dem Passierschein-Inhaber seine Bewegungsfreiheit! Das Erlaubnisschein-System dient dem gleichen Zweck Familien, Verwandte, und Freunde zu trennen.

Warum sollten Leute sich für das interessieren, was den Basarwa widerfährt?

Menschen sollten sich interessieren für das, was den Basarwa widerfährt. Man sagt, wir leben in einem demokratischen Land mit Bewegungsfreiheit, Versammlungsfreiheit, Redefreiheit, Pressefreiheit und so weiter. Wir haben eine Verfassung, die uns diese Rechte garantiert, von daher sollten wir als Land uns Gedanken machen, wenn irgendeinem Teil unseres Volkes diese Rechte abgesprochen werden.

International sind wir an die UN-Menschenrechtserklärung gebunden. Wir leben in einem globalen Dorf. Wird einer verletzt, werden alle verletzt!

Wie sehen Sie die Zukunft der Basarwa in Botswana?

Am Ende werden die Basarwa frei sein von der Verfolgung, der sie momentan ausgesetzt sind. Entweder wird die BDP-Regierung ihre diskriminierende Politik gegenüber den Basarwa zurücknehmen, oder eine neue Regierung wird in naher Zukunft die Basarwa aus ihrer Unterdrückung befreien. Keine andere Partei glaubt an Diskriminierung gegenüber den Basarwa, außer der Demokratischen Partei Botswanas!



Artikel von Michael Dingake über die Buschleute:

- ‘Basarwa persecution may come back to haunt us’ (8. August 2013)
- ‘The government has an egg on its face’ (1. Februar 2011)

Interview vom Januar 2014

Werden Sie für die Buschleute aktiv

Ihre Unterstützung ist entscheidend für das Überleben der Buschleute. Es gibt mehrere Möglichkeiten zu helfen.

  • Schreiben Sie Ihrem oder Ihrer Abgeordneten im Parlament oder der botswanischen Vertretung in ihrem Land.
  • Spenden Sie für Survivals Buschleute-Kampagne (und andere Kampagnen von Survival).