Ausweitung der Mursi-Vertreibung befürchtet

Die Mursi, ein nomadisch lebendes Volk von Viehzüchtern, die im Omo-Nationalpark im Südwesten Äthiopiens leben, befürchten die Vertreibung vom Land ihrer Vorväter unter dem Vorwand des Naturschutzes. Durch die Vertreibung würden sie kostbares Acker- und Weideland verlieren, welches das Zentrum ihrer Lebensgrundlage und ihrer Identität ist.
 
Im September 2005 unterschrieb die African Parks Foundation (APF), eine private, gemeinnützige Gesellschaft, die ihren Sitz in den Niederlanden hat, ein Abkommen mit der äthiopischen Regierung, den Omo-Nationalpark, Heimat des Volkes der Mursi, zu verwalten. Allerdings hat sich die APF seither geweigert, die Landrechte der Mursi anzuerkennen und zu schützen, mit der Behauptung, sie dürften sich nicht in die Politik einer "souveränen Regierung einmischen".
 
Dem Anthropologen David Turton zufolge, welcher über 30 Jahre lang mit den Mursi gearbeitet hat, leidet der Stamm seit Jahren unter der Schaffung von staatlichen Farmen, Nationalparks und der Bewilligung von Jagderlaubnissen an Safari-Betriebe auf ihrem eigenen und angrenzendem Land. Ihre Kinder würden ständig anfälliger für Unterernährung und teilweise lebensgefährliche Krankheiten, da lebenswichtige Rohstoffe von Außenstehenden übernommen werden.
 
Im Dezember 2005 sagte die APF, es sei nicht möglich, das Landrecht zu garantieren, da die Regierung dem nicht zustimmen würde und dass dies sowieso nicht notwendig sei, da die Rechte der "Hirtenvölker" auf ihr Land bereits in der äthiopischen Verfassung (Artikel 40, 5) garantiert werden. In der Praxis werden diese verfassungsrechtlichen Bestimmungen aber selten – wenn überhaupt – aufrechterhalten. Die APF gab daraufhin in einem Brief zu verstehen, dass sie "keine schriftlichen Abmachungen mit der ortsansässigen Bevölkerung machen" werde. Laut Dr. Turton "kann die APF beliebig lange beteuern, dass sie nicht die Absicht hat, Menschen von ihrem Land zu vertreiben. Aber solange sie nicht bereit ist, rechtlich verbindliche Vereinbarungen einzugehen, um ihre Behauptungen zu stützen, kann nicht erwartet werden, dass man sie ernst nimmt."
 
Die APF hat auch versäumt, die Verträge, die sie mit der Bundes- und den Länderregierungen unterzeichnet hat, den Mursi zugänglich zu machen, und verwehrt ihnen damit das Recht, unabhängige Rechtsberatung über einen Vertrag zu bekommen, der enorme Konsequenzen sowohl auf ihre eigene Zukunft als auch auf die ihrer Kinder hat, und welcher ohne ihr Wissen und ihre Zustimmung ausgehandelt und unterzeichnet wurde.
 
Als die Grenzen des Parks festgelegt wurden, haben die Mursi keine Kopien der Dokumente erhalten. Stattdessen hatte die Regierung die Mursi aufgefordert,  mithilfe ihres Daumenabdrucks zu unterzeichnen und damit den damaligen Parkabgrenzungen zuzustimmen. Dieser Prozess der Demarkierung machte eine Farce aus dem zuvor eingeholten Einverständnis, verstieß gegen internationale Abmachungen über die Rechte von indigenen Völkern und offenbarte eine kolonialistische Einstellung seitens der äthiopischen Regierung gegenüber seinen eigenen Bürgern, was von Seiten der APF wissentlich ignoriert wird.
 
Die Standardantwort der APF hierzu ist, dass diese Angelegenheiten, die so ausschlaggebend für die Mursi sind, im Verlauf der Diskussionen und Rücksprachen mit der örtlichen Bevölkerung in den kommenden Monaten verhandelt und vereinbart werden, welche zur Erstellung eines Verwaltungsplans für den Park führen werden. Dr. Turton dagegen meinte: "Was für 'Verhandlungen' sind das, bei denen eine Seite die ganze finanzielle und politische Macht und die andere überhaupt keine einforderbaren Rechte hat? Von 'Verhandlungen' zu sprechen ist unter diesen Umständen absolut unangebracht. Der Ansatz 'Vertraut uns: alles wird in einem Verwaltungsplan in Ordnung gebracht' sieht in der Praxis aus wie ein Weg, um die volle Entscheidungsgewalt fest in der Hand von APF zu belassen. Es ist unwahrscheinlich, dass die örtliche Bevölkerung in irgendeinem Fall zufrieden mit diesem Ansatz sein wird."
 
Unterstützer der Mursi versuchen APF dazu zu bringen:
 
• rechtlich verbindliche Abmachungen mit jeder der im Park lebenden und/oder Ackerbau oder Viehzucht betreibenden Gruppe zu unterzeichnen, welche deren Rechte auf eine sichere Lebensgrundlage in ihren existierenden Territorien garantieren;
 
• schriftlich die sozialen und wirtschaftlichen Gewinne zu spezifizieren, die den örtlichen Gemeinden zukommen werden, einschließlich einer vereinbarten Prozentzahl des Einkommens durch Touristen und Jagdeinkommen
 
• der örtlichen Bevölkerung den vollen Text jeder Vereinbarung zugänglich zu machen, welche sie mit den Bundes- und Landesregierungen unterschrieben hat, und
 
• die örtliche Bevölkerung mit Kopien der Dokumente zu versorgen, welche diese während der Demarkierung der Grenzen unterzeichnen sollten und wodurch ihr primäres Einverständnis für die rechtlichen Festlegungen der Parkgrenzen erlangt wurde.
 
Durch diese Schritte würde die APF die Volksgruppen, die innerhalb bzw. angrenzend des Omo-Nationalparks leben, bevollmächtigen, gerechte Verhandlungen führen zu können und an Entscheidungsfindungsprozessen über die Parkverwaltung teilzuhaben.
 
Durch die Bevollmächtigung der örtlichen Bevölkerung würde APF zweifelsohne Teile seiner eigenen Vollmachten abtreten – was schwierig zu handhaben ist. Doch wenn sie tatsächlich glaubt, dass "die starke Unterstützung der Mursi und anderer örtlicher Volksgruppen […] fundamental für die effektive Verwaltung des Gebietes" ist, kann es keine andere Lösung geben.