Guarani: Respektierter Schamane gestorben

Paulito Aquino, ein Kaiowá-Schamane und einer von Brasiliens ältesten Einwohnern, starb am 3 September 2002 in seinem Dorf Panambizinho im brasilianischen Staat Mato Grosso do Sul.  Er war um die 120 Jahre alt und erlebte im  Zuge seines langen Lebens viele einschneidende Veränderungen. Sein Kaiowá-Name, Avá Araruá, bedeutet „ein kleiner Indianer mit großen Wissen".

Paulitos Stamm, die Kaiowá, sind Teil der großen Nation der Guarani, einer der ersten Stämme, die im 16. Jahrhundert mit europäischen Kolonialmächten Kontakt hatten und mit ihnen konfrontiert wurden.  Es gelang den Kaiowá, den sogenannten „Waldmenschen", sich jahrhundertlang vor den Weißen zu verstecken: als kleiner Junge hatte Paulito nirgends irgendwelche Weiße gesehen, aber als sich im vergangenen Jahrhundert die letzten brasilianischen Grenzen öffneten, wurde der Wald der Kaiowá zerstört, um Platz für riesige Zucker- und Sojaplantagen und Viehzuchtbetriebe zu schaffen. Religiöse Sekten zogen in die Gegend und versuchten, oft erfolglos, den Glauben der Guarani auszurotten. 

Paulitos eigene Gemeinschaft der Panambizinho litt, wie alle anderen Kaiowá-Gemeinschaften auch, als ihr Land in den 40er Jahren umzingelt und von Besiedlern übernommen wurde, und als Bewaffnete geschickt wurden, um sie von der Rückkehr in ihre angestammten Gebiete abzuhalten. Auf nur 60 Hektar zusammengepfercht, erlebten sie Umweltverschmutzung, Hunger und Selbstmorde von verzweifelnden Teenagern. Allein im Jahr 1999 erlebte Panambizinho mindestens zwei Episoden von kollektiven Teenagerselbstmorden.

Paulito appellierte an Organisationen wie Survival International um Hilfe. 1994 besuchte der Staatsanwalt Aristides Junqueira Mato Grosso do Sul und erklärte, dass in diesem Staat „eine Kuh mehr Rechte hat als ein Indianer". Daraufhin verkündete der, nicht gerade für seine pro-indianischen Ansichten bekannte, Justizminister Nelson Jobim, dass die ehemaligen Gebiete der Gemeinschaft zurückerstattet und gemäß der brasilianischen Verfassung „demarkiert" würden. Leider erlebte Paulito diesen Tag nicht mehr. Als sie lange genug auf Gerechtigkeit und die Erfüllung von Versprechungen gewartet hatten, führten die Kaiowá 2001 eine Retomada durch, die Wiederinbesitznahme eines Teils ihres angestammten Landes. Wie es allerdings so typisch ist, wurden sie bedroht und des Geländes verwiesen. Nachdem sie nur fünf Hektar der ihnen zustehenden 1300 besetzt hatten, wurden sie wieder hinter die elektrischen Zäune gezwungen.  

Paulito wurde in Panambizinho geboren und verbrachte dort sein ganzes Leben. Als Kind lernte er das Beten, später wurde er dann ein Rezador, oder Schamane, und sein Wissen wurde legendär. Eminente  Ethnologen wie Darcy Ribeiro, Bartomeu Meliá und Egon Schaden erkannten sein Talent sowohl als Redner als auch als Kämpfer für die Rechte seines Volkes. Bei den Guarani „lernt der Schamane das Beten. Es gibt verschiedene Gebete zum Schutz vor Schlangenbissen, Krankheiten, Angriffen von Jaguaren, für Sonne und für Regen. Der Schamane lebt wie ein Geist, bewegt alles in seinem Kopf, – eine Telefonverbindung zu Gott." Paulito war der Bewahrer von 147 Gebeten und war zusammen mit seiner Frau Balbina Francisca Vorbeter in der Oca, dem riesigen Gebetshaus der Gemeinschaft, das über lange Jahre hinweg das Einzige war, das die Guarani-Gemeinschaft in Brasilien noch besaß. Paulito war einer der wenigen, die die Tembe'ta, die Zeremonie des Lippendurchstechens durchführen konnte, mit der das Reifen von Jungen zu Männern zelebriert wird, indem ein dünner Stab aus gehärtetem Baumharz durch die Unterlippe gestochen wird. Als Schamane war er für das Wohlbefinden der Gemeinschaft verantwortlich, und Paulito war der festen Überzeugung, dass neben der Anerkennung ihrer Landrechte, die Religion der Guarani und ihre Lebensweise für ihr Überleben und ihr Glücklichsein von höchster Bedeutung seien. Er brachte seinen Enkeln das Singen und Tanzen bei: „Wenn ich meine Enkel oder andere Menschen unterrichte, fühle ich mich sehr sehr glücklich. Es ist einfach großartig, fantastisch. Meine Seele ist voller Freude. Jeder kann, wenn er möchte,  lernen, ein Schamane zu werden."  Er unterwies sein Volk in Zeremonien, die fast in Vergessenheit geraten wären: das Maisfest zur Feier der Ernte wurde zum Beispiel vor einiger Zeit zum ersten Mal seit vielen Jahren im Dorf wieder gefeiert.

Paulito fasste die Lage seines Volkes 1998 in einem Interview mit Survival zusammen. „Unsere Religion und unsere Lebensweise werden angegriffen. Wir haben nicht genügend Land, um unsere althergebrachte Lebensart richtig zu leben. In der Vergangenheit war dies ein sehr großes Indianergebiet. Ich heiratete als junger Mann und ich hatte 25 Hektar Land als Garten, und dieses Land ernährte meine Familie und meine Eltern. Wir kannten damals weder Zucker noch Salz. Zum Süßen verwendeten wir Honig, den wir von den Bienen sammelten.  Wir hatten unseren Chicha [ein Getränk aus fermentiertem Mais] und wir hatten viele Fische. Wenn ich ein Fischgebet sprach, konnten wir zusehen, wie die Fische mit der Zeit immer fetter wurden. Dann legte ich eine Angel aus und nahm zwei oder drei davon, gerade so viel, wie wir brauchten. Es gab damals immer ausreichend Fische. Da gab es auch noch keine weißen Menschen.
Und dann kamen die Weißen. Wir sahen, wie sie den Wald abholzten und für sich selber Gärten anlegten. Zu jener Zeit lebte mein Volk in vier großen Gemeinschaftshäusern. Ich werde nie vergessen, wie einer unserer alten Männer sagte: ‚Die Weißen, die werden uns fertig machen. Sie zerstören unsere Häuser, unsere Fische und sogar unsere Ernte. Und sobald unser Wald erst mal verschwunden ist, sind wir als Volk auch erledigt. Es wird sich alles ändern und unser Land wird sehr klein werden.' Und – wissen Sie was – dieser Mann schätzte das schon vor all diesen Jahren völlig richtig ein."

Nach jahrelanger Schikane, Armut und der Verweigerung ihrer Grundrechte, konfrontieren die Kaiowá  jetzt, hauptsächlich Dank Paulitos weisen Einflusses, das schwerfällige brasilianische Rechtssystem und die gleichgültigen Behörden, fest entschlossen, letztendlich ihr Tekoha, ihr angestammtes Land, wieder zu erlangen.

Gemäß des Glaubens der Kaiowá starb Paulito dort, wo er auch geboren wurde und seine Seele wird zum Schöpfer, dem „Großen Vater" Ñande Ru zurückkehren. Paulitos Vermächtnis lebt in seiner großen Familie weiter. Er hinterlässt seine Frau Balbina Francisca, 102, mit der er fast 90 Jahre lang verheiratet war, 12 Kinder und viele Enkel und Großenkel.

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