© Fiore Longo/Survival International

Welche Beweise hat Survival für Menschenrechtsverletzungen im Naturschutz?

Seit den 1980er Jahren untersuchen wir die Zerstörung indigener Völker im Kongobecken durch Naturschutzvorhaben. Im Jahr 2017 veröffentlichten wir den 120-seitigen Bericht: „Wie werden wir überleben? Die Zerstörung indigener Völker im Kongobecken durch den Naturschutz“.

Survival untersucht seit mehreren Jahren die Auswirkungen des geplanten Schutzgebietes Messok Dja auf die Gemeinschaften indigener Baka. Wir veröffentlichten Briefe von Mitgliedern der Baka, in denen sie von Menschenrechtsverletzungen durch WWF-finanzierte Wildhüter berichten.

Survival arbeitet gemeinsam mit Kontaktpersonen bei den Baka und lokalen kongolesischen NGOs, um die Verletzung der Rechte indigener Völker im Namen des Naturschutzes zu stoppen. Diese zivilgesellschaftlichen Organisationen schrieben auch eine gemeinsame Erklärung, in der sie den Missbrauch in Messok Dja verurteilten.

Auch die Rainforest Foundation hat Beweise für die weit verbreiteten Missbräuche gesammelt und zwei Berichte (in Englisch) veröffentlicht: Protected areas in the Congo Basin: Failing both people and biodiversity sowie The Human Impact of Conservation in Republic of Congo

Warum werden die Baka verfolgt? Sie müssen etwas falsch machen.

Auch wir verstehen nicht, wie der WWF die Behandlung der Baka rechtfertigen kann. Indigene Völker sind die besten Naturschützer und Hüter der Umwelt. Untersuchungen belegen, dass sie ihre Umwelt und ihre Tierwelt besser managen als alle anderen.

Obwohl die Baka seit jeher in den Wäldern von Messok Dja leben, beschreibt der WWF diese als „unberührt“ und „intakt“. Das ist kein Zufall! Die Baka sind ein Jäger-Sammler-Volk, welches ein einzigartiges Verständnis von nachhaltigem Leben hat, das weitestgehend im Einklang mit den Zielen des WWF steht. Es ist nur dem umfangreichen Wissen der Baka über den Erhalt der Natur zu verdanken, dass die Biodiversität in diesen Wäldern so hoch ist. Die Baka waren erfahrene Naturschützer*innen, lange bevor das Wort Naturschutz erfunden wurde.

Warum löst Survival einen Streit mit dem WWF aus? Der WWF hat sogar eine Richtline für den Umgang mit indigenen Völkern.

Unter der Aufsicht des WWF werden schwere Menschenrechtsverletzungen an Indigenen begangen. Die Naturschutzprojekte des WWF vertreiben die Indigenen gegen ihren Willen von ihrem Land, zerstören ihre Lebensweise und bedrohen ihre Existenz. Wenn der WWF ein neues Schutzgebiet auf dem angestammten Land indigener Völker gründen will, sorgt er nicht dafür, dass ihre Zustimmung eingeholt wird. Stattdessen verfolgen die vom WWF finanzierten Parkranger Indigene und misshandeln sie gewaltsam. Die Projekte des WWF zerstören das Leben indigener Völker unwiederbringlich. Wir glauben, dass der Naturschutzriese WWF für sein Handeln zur Verantwortung gezogen werden muss.

Wir bestreiten nicht, dass sich die Grundsätze des WWF zum Umgang mit indigenen Völkern großartig anhören, aber das Problem ist, dass diese Erklärung beim WWF selbst scheinbar kein Gewicht hat: Die Organisation zeigt weiterhin eine unverhohlene Missachtung ihrer eigenen Grundsätze. Die Tatsache, dass der WWF eine überzeugende Erklärung erarbeitet hat, kann ihm keine Immunität gewähren. Bis Survival davon überzeugt ist, dass der WWF in Übereinstimmung mit seiner eigenen Richtlinie sowie mit nationalem und internationalem Recht handelt, statt dies nur zu behaupten, werden wir auch weiterhin zu diesem Thema aktiv sein.

Sicherlich können der WWF und Survival dabei zusammenarbeiten statt gegeneinander?

Dies ist kein Kampf zwischen zwei gemeinnützigen Organisationen. Es geht darum, dass wir die Naturschutz-Industrie – und dies schließt große Naturschutzorganisationen ein – für schwere Menschenrechtsverletzungen an indigenen Völkern zur Verantwortung ziehen wollen.

Wir informierten den WWF 1991 zum ersten Mal über die Auswirkungen seiner Arbeit auf die Baka und haben seitdem mehrmals WWF-Mitarbeiter*innen getroffen. Als wir das Thema 2013 erneut ansprachen, ignorierte der WWF unsere Briefe oft. Wenn wir Antworten erhielten, kamen sie aus der PR-Abteilung. (Es ist schwierig, daraus nicht zu schließen, dass die Hauptsorge darin bestand, den Ruf des WWF zu schützen, anstatt schweren Menschenrechtsverletzungen ein Ende zu setzen.)

Im Jahr 2016 reichte Survival erfolgreich eine Beschwerde gegen den WWF wegen Verstoßes gegen die Richtlinien der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) für multinationale Unternehmen ein. Die zuständige Behörde war sich einig, dass es auf Grundlage der Beweise von Survival Anlass gäbe, den WWF wegen Verstoßes gegen verantwortungsvolles Geschäftsverhalten zu untersuchen. Es war das erste Mal, dass eine gemeinnützige Organisation auf diese Weise untersucht wurde. Im Laufe unserer anschließenden Gespräche mit dem WWF wurde deutlich, dass die Organisation nicht die Absicht hatte, an ihrer Grundsatzerklärung zu indigenen Völkern festzuhalten, die sie nur noch als „ehrgeizige Ziele“ bezeichnete. Der WWF weigerte sich, das Recht der Baka auf Zustimmung zu Naturschutzprojekten auf ihrem Land zu akzeptieren. Für einen Einblick in das Geschehen während der Verhandlungen und die Gründe für ihren Abbruch, kannst du diese Zusammenfassung von Survival-Direktor Stephen Corry lesen.

Nach mehreren Versuchen, mit dem WWF in einen Dialog zu treten, entschuldigen wir uns nicht für unsere Kritik an seinem Verhalten.

Ist Survival jetzt gegen Naturschutz und Nationalparks?

Survival International ist nicht gegen den Naturschutz. Im Gegenteil, unsere Kampagnen richten sich an große Naturschutzorganisationen wie den WWF, die es immer wieder versäumen, die Zustimmung der indigenen Völker zu Naturschutzprojekten auf ihrem Land einzuholen. Wir sind noch nicht auf ein einziges Beispiel dafür gestoßen, dass eine solche Organisation diese grundlegende Sorgfaltspflicht erfüllt hat. Dies ist nicht nur ein eklatanter Verstoß gegen das Völkerrecht, sondern steht auch den eigenen Zielen des WWF entgegen. Ein System, in dem indigene Völker – die besten Hüter der natürlichen Welt – von ihrem angestammten Land vertrieben werden, ist zum Scheitern verurteilt. Wir setzen uns für einen neuen Ansatz im Naturschutz ein, der indigene Völker in den Mittelpunkt stellt. Das ist das Beste für indigene Völker, für die Natur und für die gesamte Menschheit.

Survival muss dann versteckte Interessen haben?

Unser einziges Anliegen ist die Verteidigung der Rechte indigener Völker.

Wir sind uns mehr als bewusst, dass viele der Unterstützer*innen von Survival engagierte Naturschützer*innen sind und teilweise selbst den WWF unterstützen. Wir gehen das Risiko ein, durch diese Kampagne ihre Unterstützung zu verlieren. Wenn wir es jedoch ernst meinen mit unserem Einsatz für die Rechte indigener Völker, müssen wir die Angst darüber, wie beliebt wir sind, beiseite lassen. Wir müssen uns mit den Konflikten befassen, von denen indigene Völker wollen, dass wir sie aufgreifen. Aus diesem Grund akzeptiert Survival auch keine Gelder von Regierungen oder fragwürdigen Konzernen: Wir fühlen uns niemandem verpflichtet, außer Indigenen.

Aber die Tierwelt muss geschützt werden. Kollateralschäden sind nicht schön, aber notwendig.

Natürlich sollten die Wildtiere geschützt werden; wir bei Survival sind nicht gegen Tiere! Die Kampagne von Survival zielt nicht darauf ab, effektiven und erfolgreichen Naturschutz zu gefährden, sondern ihn zu fördern. Indigene Völker sind ausgezeichnete Naturschützer. Sie von Naturschutzvorhaben auszuschließen ist unsinnig. Wenn du uns nicht glaubst, es steht auch in der eigenen Richtlinie des WWF:

„Der größte Teil der auf der Erde noch verbliebenen Gebiete von hohem Naturschutzwert ist von indigenen Völkern bewohnt. Dies zeigt, wie effektiv diese Völker mit den vorhandenen Ressourcen umgehen. Die indigenen Völker und ihre Vertretungen sowie die Naturschutzorganisationen sollten als natürliche Verbündete handeln und sich gemeinsam für die Erhaltung einer gesunden natürlichen Umwelt und gesunder menschlicher Gesellschaften einsetzen.“

Eine zunehmende Zahl von Studien zeigt, dass der einfachste Weg unseren Planeten zu schützen darin besteht, die Rechte indigener Völker einzuhalten und in ihre Expertise zu vertrauen, die sie mit ihrer nachhaltigen Lebensweise auf ihrem Land bewiesen haben. Das bedeutet, dass allen, denen wirklich etwas an Naturschutz liegt, auch die Rechte der indigenen Bevölkerung am Herzen liegen müssen.

Weitere Informationen darüber, warum die Achtung der Rechte der Baka grundlegend für erfolgreichen Naturschutz ist, findest du hier.

Gibt es keinen Kompromiss? Könnte Survival nicht einfach den WWF bitten, dafür zu sorgen, dass die Baka ihre Zustimmung geben?

Derzeit verbinden die Baka-Gemeinden den WWF mit Verfolgung und Gewalt. Das bedeutet, dass selbst wenn der WWF sagen würde, die Zustimmung der Baka eingeholt zu haben, wären seine Ansprüche nichtig. Die Baka müssen überzeugt sein, dass sie sich dem Park frei widersetzen könnten, wenn sie dies wünschten, ohne Angst vor Repressalien haben zu müssen. Bis dahin ist jede vermeintliche Zustimmung bedeutungslos.

Was kann ich tun?

Sehr viel! Wir brauchen deine Hilfe, um den internationalen Druck aufrechtzuerhalten und wir wollen so viele Menschen wie möglich dafür begeistern, teilzunehmen. Wir werden allen Unterstützer*innen die Möglichkeit geben, von Anfang bis Ende eine wirklich aktive und spannende Rolle in dieser Kampagne zu übernehmen. Du wirst an einige der wichtigsten Akteure schreiben können, die Menschen über Social Media aufklären und vieles mehr. Wir werden dich weiterhin darüber informieren (z.B. über unseren Newsletter).

Es wird schwierig sein, es mit so beliebten Organisationen wie dem WWF aufzunehmen. Die Öffentlichkeit vertraut dem WWF sehr: So erhält beispielsweise der WWF Niederlande, einer der wichtigsten Geldgeber von Messok Dja, fast 33 Millionen Euro pro Jahr (das sind 63 Euro pro Minute), allein von privaten Spender*innen (WWF Niederlande 2017-2018 Finanzbericht).

Wir brauchen deine Hilfe, um sicherzustellen, dass diejenigen, die dem WWF gegenüber loyal sind, auch unsere Botschaft hören und ihre geliebte Organisation unter Druck setzen, die Menschenrechte zu achten.


Warum will der WWF den Nationalpark Messok Dja gründen? Was ist das Besondere an der Gegend?

Die Gründung von Nationalparks steht im Mittelpunkt des WWF-Plans zum Schutz des Planeten. Bis 2020 wurde ein weltweites Ziel festgelegt: 20% der Landfläsche der Erde sollen „geschützt“ werden. Dieser Teil des Kongo wurde zur „Prioritätslandschaft“ für den Schutz von Menschenaffen erklärt und gilt als „letzte Elefantenhochburg Afrikas“ . Sie ist daher für Naturschutzorganisationen von besonderem Interesse.

Survival International hat keine Zweifel daran, wie wichtig es ist, die Flora und Fauna der Welt zu erhalten. Es liegt auch im Interesse der indigenen Völker mit denen wir arbeiten, dass unser Planet gegen Rohstoffausbeutung und Zerstörung geschützt wird. Naturschutzorganisationen können und müssen jedoch die Rechte indigener Völker respektieren. Survival gibt dem wachsenden Bestand an Studien recht, der zeigt, dass Naturschutz ohne die Unterstützung der lokalen Bevölkerung zum Scheitern verurteilt ist. Für den Schutz der indigenen Völker und der Natur müssen die Menschenrechte beim Naturschutz respektiert werden.