„Ein Tag an dem nicht gelacht wird, ist beinahe undenkbar“

 
Survival sprach mit der Journalistin und Autorin Catherina Rust, die ihre ersten Lebensjahre bei den Aparai-Wajana-Indianern in Brasilien verbrachte, über ein „fortschrittliches Erziehungsmodell“ und den Einsatz für indigene Völker.

Wie sah ein typischer Tag im Leben Ihrer Kindheit bei den Indianern aus?

Unsere Tage begannen mit dem Sonnenaufgang und endeten nicht lang nach Sonnenuntergang, da wir im Urwald keinen Strom hatten.

Catherina Rust mit ihrer "Patenschwester" Tanshi
Catherina Rust mit ihrer "Patenschwester" Tanshi
© Catherina Alicia Rust

Morgens versammelte sich das gesamte Dorf zum Baden und Waschen am Fluss. Während die Männer der Aparai zum Jagen in den Urwald gingen, verrichteten die Frauen ihrer Arbeit auf den Pflanzungen und wir Kinder hatten die Freiheit, den ganzen Tag lang zu spielen und in dieser grandiosen Natur herumzustromern. Die Alten passten auf, dass nichts passierte, ansonsten kümmerten sich hauptsächlich die älteren um die kleineren Kinder.

An den Nachmittagen, wenn die Männer von der Jagd oder vom Fischfang zurückkamen, war Zeit für Handarbeiten und Kunsthandwerk. Baumwollhängematten wurden gewebt, Paddel und Pfeile geschnitzt und wir Kinder wurden spielerisch in die kleineren Aufgaben eingeweiht, was uns mehr eine Ehre denn eine Pflicht war. Die Männer kümmerten sich derweil um die Kleinkinder, damit sich die Frauen auch mal entspannen konnten.

Es war eine behütete Kindheit ohne jeglichen Zwang und ohne Repressionen. Am schönsten waren die Abendrunden am großen Lagerfeuer. Da wurden Neuigkeiten ausgetauscht und alte Mythen zum Besten gegeben. Was allemal spannender war, als das Vorabendprogramm im Fernsehen hierzulande.

Welche Entbehrungen und Gefahren, neben den offensichtlichen wie Giftschlangen und Krokodile, begegnen einem im Amazonasgebiet?

Natürlich gab es Krokodile, unzählige Giftschlangen, Jaguare, Zecken, Parasiten und andere gefährliche Tiere, allerdings habe ich das als Kind nie so bedrohlich empfunden wie das heute klingen mag. Wer lernt, sich adäquat in seinem Umfeld zu bewegen, wie es die Indianer auch ganz selbstverständlich machen, ist kaum mehr in Gefahr als in einer durchschnittlichen europäischen Großstadt.

Initiationstanz der Aparai-Wajana-Indianer mit Sternenkrone
Initiationstanz der Aparai-Wajana-Indianer mit Sternenkrone
© Catherina Alicia Rust

Die schlimmsten Bedrohungen kamen meist durch Menschen. Eindringlinge aus den Städten, die immer tiefer in den Urwald und die Gebiete der Indianer vorstießen. Christliche Missionare im Bekehrungswahn etwa, die ganze Völker des Regenwalds durch ihre unachtsam eingeschleppten Viren und Krankheiten in Gefahr brachten, Goldsucher, Kautschukzapfer, Holzfäller und die Straßenbauer der damaligen Transamazonika.

Und die Entbehrung ohne Strom und fließendes Wasser, ohne Fernseher oder Auto zu leben, ohne Güter, die man ständig und überall kaufen kann, habe ich als Kind überhaupt nicht als Mangel empfunden. Ich kannte ja nichts anderes als das Leben im Urwald, wo ich alles vorfand, was ich benötigte. Einzig Krankheiten wie Malaria stellten eine Gefahr dar, einige Blutvergiftungen inklusive und einen ganz gehörigen Sonnenstich hatte ich auch einmal.

Welche besonderen Feste feiern die Aparai-Wajana-Indianer?

In meiner Kindheit in den frühen bis Mitte der 70er Jahre lebten viele Aparai-Wajana noch annähernd traditionell. Das Olok-Fest etwa wurde noch gefeiert, sowie einige andere Tanzfeste auch, an die ich mich noch bruchstückhaft erinnere. Vor allem erinnere ich mich an die tagelangen Vorbereitungen, die mit der Herstellung von Getränken und Speisen verbunden waren, an die würdevollen Begrüßung nach einem strengen Zeremoniell von weit angereisten Besuchen aus anderen Aparai-Wajana-Dörfern. Das hat mich sehr beeindruckt.

Auch habe ich vermutlich die allerletzten echten Martern bei den Aparai-Wajana miterlebt. Das hat mich ebenfalls tief beeindruckt und ich finde es bedauerlich, dass die meisten Riten und Feste inzwischen nicht mehr gefeiert werden. Besonders in Erinnerung ist mir auch die Aufführung des Tamoko-Tanzes geblieben, der damals allerdings mehr eine Wiederbelebung eines alten Tanzes gewesen ist.

Vorbereitung für ein Tanzfest der Aparai-Wajana
Vorbereitung für ein Tanzfest der Aparai-Wajana
© Catherina Alicia Rust

Und welches was war Ihr liebstes Fest?

Mein liebstes Fest war eigentlich gar kein Tanzfest, sondern der Tag der Fische. Also ein Tag zur Zeit des Niedrigwassers, an der das Flusswasser in einer Bucht gestaut wurde, um es mit Lianengift der Liane Aissali zu vergiften, damit die Fische, die von dem Gift gelähmt wurden, betäubt an die Oberfläche trieben, wo wir Kinder sie aufsammeln durften. Anschließend wurden sie gegrillt und geräuchert und jeder durfte so viel essen wie er wollte. Das war ein Spaß. Ich denke so gerne an diese Tage zurück.

In Ihrem Buch schreiben Sie, das die Aparai- Wajana Indianer zum christlichen Glauben missioniert wurden und dadurch einen Teil ihrer Identität aufgegeben haben. Was halten Sie davon?

Ich halte das für eines der fundamentalsten jüngeren Verbrechen der Menschheit. Da die Aparai-Wajana- wie viele andere Völker des Regenwaldes ebenso- ursprünglich über keine eigene Schriftsprache verfügten, haben sie es dennoch geschafft, ihre Mythen und Geschichten über viele Jahrhunderte hinweg zu bewahren; manche Historiker sprechen sogar von Jahrtausenden. Diese Mythen und der Glaube an die von Geistern geprägte Natur, die Schöpfungsgeschichten und die damit verbundenen Traditionen wurden von Generation zu Generation weiter gegeben. Verbunden mit einer tiefen Lebensphilosophie, die auf dem Respekt vor der Natur basiert.

Alles hatte eine Bedeutung, damit die Menschen in ihrem Umfeld und mit ihrem Lebenszyklus zurande kamen. Wenn man ihnen dann einen fremden Glauben auferlegt, oder sagen wir durch geschickte Manipulation und Gehirnwäsche aufzwingt, wie das die evangelikalen „Kirchen“ und „Glaubensgemeinschaften“ aus Amerika machen, indem sie mit der Angst vor dem Weltuntergang operieren, dann verlieren all diese Mythen und mit ihnen auch die Feste und leider oftmals auch der Respekt vor der Natur ihre Bedeutung. Und wer über keine eigenen kulturellen Wurzeln mehr verfügt, der verliert auch das Bewusstsein für seine eigene Identität. Er wird manipulierbar und in Abhängigkeiten gebracht. Der erste Schritt in den Untergang.

Aparai-Wajana-Indianer am Fluss
Aparai-Wajana-Indianer am Fluss
© Catherina Alicia Rust

Wie war es für Sie nach Deutschland zu kommen, in ein Ihnen komplett fremdes Land?

Zunächst freute ich mich, nach Deutschland zu kommen und die so genannte „Heimat“ zu besuchen. Doch als ich begriff, dass es kein zurück mehr geben würde, hatte ich das Gefühl, innerlich zu verdörren. Ich fühlte mich wie ein Jaguar im Zoo, dem man sein natürliches Territorium genommen hatte, um ihn in einen viel zu engen Käfig zu stecken. Oder wie eine Pflanze, die man aus der Erde gerissen hatte, ohne dabei ihre Wurzeln mitzunehmen.

Äußerlich passte ich mich an und zum ersten Mal fiel ich mit meiner hellen Haut und mit meinen blonden Haaren nicht mehr auf, doch innerlich blieb eine beklemmende Distanz. Ich fühlte mich wie eine Fremde in der eigenen Heimat. Irgendwie deplaziert. Hier passte ich nicht hin. Die Gesichter der Menschen hier kamen mir verschlossen vor. Ich konnte nicht in ihnen lesen. Und das Leben kam mir um so vieles härter und schneller und berechnender vor, obwohl so vieles im Grunde genommen leichter war.

Wasser kam aus dem Hahn, es musste nicht mühsam aus dem Fluss herbei geschleppt werden. Keiner musste in Deutschland hungern und dennoch schien niemand wirklich gerne zu teilen. Auch die Art, wie man hierzulande mit Kindern umging, machte mich unglücklich. Die Aparai verehren ihre Kinder, hier hingegen herrschten starre Regeln und sinnlose Verbote erschienen wichtiger als die Anleitung und das behutsame Heranführen kleiner Menschen ans das Leben, wie bei den Aparai üblich.

Aparaimutter mit Kind
Aparaimutter mit Kind
© Catherina Alicia Rust

Was glauben Sie, könnten wir von den Aparai-Wajana lernen?

Die Aparai-Wajana nehmen sich selber nicht so wichtig. Für sie ist das Dasein auf diesem Planeten ohnehin nur von vorübergehender Natur. Der Mensch als Gast auf dieser Erde. Das Kollektiv, die Gemeinschaft ist immer wichtiger als das Individuum. Selbstverwirklichung ist ein Fremdwort am Amazonas. Besitz ist nichts wert, wenn man ihn nicht teilen kann. Im Grunde genommen gibt es keine Hierarchien und Kinder sind genauso zu respektieren wie Erwachsene.

Jeder Aparai-Wajana ist gleich viel wert, gleich wertvoll für die Gemeinschaft, in der man sich keine Gewinner oder Verlierer leisten kann. Jeder findet seine Bestimmung. Wer nicht mehr jagen kann, baut Boote, wer nicht mehr auf den Pflanzungen arbeiten möchte, betreut eben die Kinder. Wer mehr von der Jagd nach Hause bringt, teilt mit demjenigen, dessen Ausbeute am geringsten war. Beim nächsten Mal könnte es umgekehrt sein.

Von dieser Haltung könnten wir lernen. Auch in Sachen Humor und Selbstironie können wir uns einiges von ihnen abschneiden. Es macht das Leben um so vieles erträglicher, wenn nicht alles „bierernst“ genommen wird. Ein Tag an dem nicht gelacht wird, ist am Amazonas beinahe undenkbar. Das Erhalten von etwas ist wichtiger als sein Verbrauch, als der Profit. Und wenn sich die Menschen nicht mehr verstehen, gehen sie auseinander, es gibt keinen Grund weiter zusammen zu bleiben, wenn das Zusammenleben nicht mehr funktioniert.

Alles ist bei den Aparai-Wajana im Wandel, in Bewegung, jeder besucht die Nachbardörfer und empfängt Besuch, darin liegt die Konstante. Das finde ich bewundernswert: sich innerhalb einer festen offenen Gemeinschaft und Kultur zu bewegen, aber dennoch irgendwie frei zu bleiben.

Das Dorf Neu-Mashipurimo der Aparai-Wajana heute
Das Dorf Neu-Mashipurimo der Aparai-Wajana heute
© Catherina Alicia Rust

Sie sagen, man dürfe Indianer nicht als primitiv abstempeln, aber sie auch nicht verklären. Wo sehen Sie die jeweiligen Probleme?

Nehmen wir die Tatsache, dass die Aparai-Wajana ursprünglich keine Schrift hatten. Macht sie das primitiv? Nein, im Gegenteil. Die meisten Aparai-Wajana haben ein unglaubliches Gedächtnis. Sie beherrschen mehrere Sprachen fließend und können sich auch noch nach Jahrzehnten an winzige Details erinnern, die wir hierzulande nach einigen Tagen schon längst vergessen hätten. Dazu kommt eine unglaubliche Kunstfertigkeit, die beinahe jeder Aparai-Wajana von früh an beherrscht. Alles wird bemalt, verziert, geschnitzt, gebaut. Ganz normale Alltagsgegenstände wie Paddel oder Rückenkiepen wurden in wahre Kunstwerke verwandelt. Die Kunst und die Ästhetik haben einen hohen Wert.

Andererseits bringt es nichts, die Aparai-Wajana zu „edlen Wilden“ zu verklären. Sie sind zahlenmäßig einfach viel weniger als wir und sie leben in einem Umfeld, das sie zu diesem Zusammenhalt zwingt.

Mit Mitte zwanzig sind Sie noch einmal an den Ort Ihrer Kindheit zurückgekehrt und haben dort die Menschen getroffen, in deren Gemeinschaft sie aufgewachsen sind. Wieso sind sie wieder nach Deutschland zurückgekehrt?

Innerlich hatte ich das Gefühl, endlich wieder heim gekommen zu sein. Alles fühlte sich richtig an. Aber ich hatte einfach den Anschluss verpasst. Während ich früher ein ganz normales Aparai-Mädchen war, zumindest habe ich mich als Kind so gefühlt, haben nach meiner Abreise alle ihre Aufgaben erlernt und danach schon sehr früh eine Familie gegründet. Meine so genannten Patenschwestern und Freundinnen bekamen ihre ersten Kinder mit 15 Jahren. Sie hatten also schon 3 bis 5 Kinder, während ich mit Mitte 20 noch eine kinderlose Studentin war. Was hätte ich also in die Gemeinschaft einbringen können?

Catherina Rust bei ihrem Besuch zurück im Amazonas mit "Tante" Malina
Catherina Rust bei ihrem Besuch zurück im Amazonas mit "Tante" Malina
© Catherina Alicia Rust

Und dann fehlte mir der passende Mann. Mein deutscher Freund, der heute mein Ehemann ist, wäre mir kaum in den Urwald gefolgt und selbst der stattlichste Aparai-Krieger wäre zwei Köpfe kleiner gewesen als ich. Was mich am meisten erschütterte, war jedoch die Tatsache, dass der Amazonas, mein Kindheitsparadies, ein zunehmend bedrohtes Lebensumfeld geworden war. Diese unglaubliche Natur wurde jeden Tag ein Stückchen kleiner und die Flüsse meiner Kindheit wurden durch die Goldschürfer mit Quecksilber vergiftet. Heute werden die Flüsse für Staudämme aufgestaut und damit macht man noch den Rest kaputt. Damals studierte ich Politikwissenschaften und ich bildete mir ein, dass ich mehr für die Völker meiner Kindheit bewirken könnte, wenn ich nach Europa zurückging, um dort die Gesellschaft für derartige Anliegen zu sensibilisieren.

Wie sieht die Zukunft der Aparai-Wajana-Indianer aus und was wünschen Sie sich für das Volk?

Ich wünsche mir, dass man ihnen den Stolz auf ihre eigene Kultur zurück gibt, dass wir sie als vollwertige Mitglieder der Weltgemeinschaft akzeptieren, die ein selbstbestimmtes Leben führen können und die das Land auch rechtmäßig besitzen, auf dem sie leben und auf dem sich ihre Vorfahren noch frei bewegen durften. Ich würde mir eine konsequente Justiz wünschen für all jene, die gegen die Menschenrechte der Indianer verstoßen. Die den Raubbau an der Natur mit einer großen Rücksichtslosigkeit vorantreiben.

Vor allem wünsche ich mir, dass das wertvolle Wissen der Indianer nicht vollständig verloren geht. Ihr teilweise Jahrtausende altes Wissen über die Vielfalt der Heilpflanzen könnte auch für uns von Bedeutung sein, auch ihr Erziehungsmodell erscheint mir geradezu fortschrittlich im Gegensatz zu unserem und ihre Philosophie, sich selber als Teil der Natur zu betrachten, ist unserer „zivilisierten“ Einstellung, uns die Erde untertan machen, um einiges voraus.


Catherina Rust hat ihre Kindheit im Amazonas in ihrem Buch Das Mädchen vom Amazonas festgehalten.

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