Zwei männliche Angehörige der Piripkura, Tamandua und Baita, die zu den letzten Überlebenden ihres Volkes gehören. Noch ist ihr Gebiet durch eine Notverordnung geschützt, läuft aber Gefahr, von der Holzindustrie und Landräubern zeitnah überrannt zu werden.

Zwei männliche Angehörige der Piripkura, Tamandua und Baita, die zu den letzten Überlebenden ihres Volkes gehören. Noch ist ihr Gebiet durch eine Notverordnung geschützt, läuft aber Gefahr, von der Holzindustrie und Landräubern zeitnah überrannt zu werden.

© Bruno Jorge

Die brasilianische Regierung plant, bestehende Notfalldekrete zum Schutz der Gebiete unkontaktierter Völker zu kassieren und die Gebiete für todbringende Ressourcenausbeutung zu öffnen.

Expert*innen gehen davon aus, dass dies zur endgültigen Vernichtung mehrerer unkontaktierter Völker und der Zerstörung von etwa 1 Million Hektar Regenwald führen könnte – einer Fläche, 4-mal so groß wie das Saarland.

Die betroffenen unkontaktierten Völker sind besonders gefährdet, da ihre Gebiete nicht offiziell demarkiert und damit gesetzlich geschützt sind. Das einzige, was derzeit zwischen ihnen und den wirtschaftlich mächtigen und schwer bewaffneten Holzfäller*innen, Farmer*innen und Landräuber*innen steht, sind die in Brasilien als „Nutzungsbeschränkungen“ (Restrições de uso) bekannten Dekrete.

Diese Verordnungen schützen momentan sieben Territorien, doch in den meisten Fällen müssen sie nach ein paar Jahren wieder erneuert werden. Drei davon verlieren zwischen September und Dezember 2021 ihre Gültigkeit. Sie schützen besonders sensible Gebiete.

Die Kawahiva sind eines der Völker, deren Gebiet durch die Notfalldekrete erfasst wird. Standbild aus Filmmaterial, das von Mitarbeitenden der Behörde bei einer zufälligen Begegnung aufgenomen wurde.

Die Kawahiva sind eines der Völker, deren Gebiet durch die Notfalldekrete erfasst wird. Standbild aus Filmmaterial, das von Mitarbeitenden der Behörde bei einer zufälligen Begegnung aufgenomen wurde.

© FUNAI

Eines davon umfasst den Wald der letzten Angehörigen des Volkes der Piripkura. Nach einer Reihe von Massakern an ihrem Volk kann mit Sicherheit nur die Existenz von drei Überlebenden des indigenen Volkes bestätigt werden. Weitere Angehörige des Volkes könnten sich allerdings in den Tiefen des Waldes aufhalten. Eine kürzlich veröffentlichte Studie der brasilianischen Organisation ISA belegt, dass im letzten Jahr 962 Hektar Wald innerhalb des Gebiets der Piripkura gerodet wurde.

Präsident Bolsonaro und seine Verbündeten haben es auf die Gebiete dieser Völker abgesehen. Die Territorien bleiben gefährdet bis sie vollständig als indigenes Land demarkiert wurden. Ein mit Bolsonaro vertrauter Senator fordert beispielsweise, das Territorium Ituna Itatá drastisch zu verkleinern. Andere nationale und regionale Politiker*innen, die eng mit der Holzindustrie, der Viehwirtschaft und der Agrarindustrie verbunden sind, zielen auf weitere Territorien ab. Präsident Bolsonaro ist diesem tödlichen Landraub gegenüber äußerst wohlwollend eingestellt und hat explizit verkündet, er wolle jedes indigene Gebiet für die Ressourcenausbeutung freigeben.

COIAB (der Dachverband indigener Organisationen des brasilianischen Amazonasgebietes), OPI (die Beobachtungsstelle für die Menschenrechte unkontaktierter und vor kurzem kontaktierter indigener Völker) und Survival International haben heute ein Video veröffentlicht, um auf ihre neue Kampagne aufmerksam zu machen. Sie fordern die brasilianische Regierung dazu auf, die Verordnungen zum Schutz der indigenen Gebiete zu erneuern, alle Eindringlinge aus den indigenen Gebieten zu entfernen, das indigene Land vollständig zu schützen und den brasilianischen Genozid zu stoppen.

Angela Kaxuyana, eine Koordinatorin von COIAB, sagte heute: „Nicht noch mehr Massaker! Wir werden keine weiteren Invasionen zulassen! Es ist unerlässlich, dass die indigenen Völker, die Organisationen des Amazonas-Gebiets und die gesamte Zivilgesellschaft sich mobilisieren, um zu verhindern, dass die Gebiete, in denen die unkontaktierten und kürzlich kontaktierten Völker leben, den Holzfäller*innen, Landräuber*innen, Goldgräber*innen und anderen Waldräuber*innen zur Zerstörung überlassen werden. Wenn Bolsonaros Regierung die Notfalldekrete aufhebt, wäre das eine weitere Katastrophe für und ein weiterer Angriff auf das Leben der indigenen Völker. Es ist Teil des großen Plans, die indigene Politik in unserem Land zu beseitigen.“

„Wir müssen verhindern, dass noch mehr Menschen durch diese (Nicht-)Regierung sterben. Wir werden unser Recht auf Leben sowie die Rechte unserer Verwandten, die autark in ihren Gebieten leben, auch weiterhin verteidigen.“

Fabrício Amorim von OPI sagte: „Notfalldekrete sind ein effektives politisches Instrument in Brasilien, das bei Bedarf rasch angewandt werden kann, um das Leben und die Landrechte unkontaktierter indigener Völker zu schützen. Sie sind der höchste Ausdruck des Vorsorgeprinzips, das in nationalen und internationalen Gesetzen verankert ist. Sie abzuschaffen würde die Auslöschung einzelner Gruppen oder ganzer indigener Völker bedeuten. Es bliebe keine Zeit, um ihre Existenz anzuerkennen und ihre Rechte zu schützen. Es würde kaum bekannte Menschen für immer zum Schweigen bringen und die Menschheit als Ganzes verarmen lassen. Deshalb ist es wichtig, diese Instrumente zu stärken, mit der vollständigen Demarkierung dieser Gebiete zu beginnen und alle Eindringlinge zu entfernen.“

Elias Bígio, ehemaliger Leiter der Abteilung für unkontaktierte Völker bei FUNAI, der brasilianischen Behörde für indigene Angelegenheiten, sagte heute: „Das Land der Piripkura ist von aggressiven und gewalttätigen Leuten besetzt worden, die die Umwelt zerstören und alle bedrohen.“

„Die unkontaktierten Piripkura haben gezeigt, dass sie keinen Kontakt wünschen. Angesichts der traumatischen Erfahrungen, die sie mit den Eindringlingen machten, haben sie nicht den Wunsch, mit „unserer“ Mehrheitsgesellschaft in Kontakt zu treten. Sie sind dort im Wald und haben Strategien entwickelt, um sich zu schützen und zu überleben. Sie haben es, versteckt in einem kleinen Territorium, das sie für sich beanspruchen, geschafft zu überleben.“

Sarah Shenker, Survivals Expertin für unkontaktierte Völker, sagte heute: „Die Zukunft von drei unkontaktierten Völkern, deren Gebiete zurzeit von Notfalldekreten geschützt werden, entscheidet sich noch in diesem Jahr. Sie haben bereits Landraub, Gewaltexzesse und Ermordungen durch die Hände Fremder erfahren. Diese Dekrete sind momentan das Einzige, was zwischen ihnen und dem sicheren Tod steht. Der gemeinsame Plan von Agrarunternehmer*innen und Politiker*innen, die Verordnungen einzustampfen, das Land zu stehlen und die unkontaktierten Völker zu vernichten, ist Teil eines groß angelegten Angriffs auf die indigene Bevölkerung Brasiliens durch die Regierung Bolsonaro, den wir aufhalten müssen. Im Laufe der nächsten Monate werden in Brasilien und auf der ganzen Welt die Verbündeten der unkontaktierten Völker unablässig Druck ausüben, damit die Dekrete erneuert, alle Eindringlinge ausgewiesen und die Wälder vollständig geschützt werden. Nur dann haben diese Völker eine Chance zu überleben.“

Hinweise an die Redaktion:

- Vertreter*innen von Survival, COIAB und OPI stehen für Interviews zur Verfügung.

- Die Gebiete unkontaktierter Völker, die derzeit durch ein Notfalldekret geschützt sind:

Gebiet | Ablaufdatum | Größe in Hektar

Piripkura (Mato Grosso) | 18 Sep 2021 | 243,000

Jacareúba/Katawixi (Amazonas) | 08 Dec 2021 | 647,000

Pirititi (Roraima) | 05 Dec 2021 | 43,000

Ituna Itatá (Pará) | 09 Jan 2022 | 142,000

Tanaru (Rondonia) | 26 Oct 2025 | 8,000

Igarapé Taboca do Alto Tarauacá (Acre) | Bis zum Abschluss der Demarkierung | 287

Kawahiva do Rio Pardo (Mato Grosso) | Bis zum Abschluss der Demarkierung | 412,000