Die Anatomie eines millionenschweren kolonialen Kohlenstoffprojekts in Kenia

Massai-Hirte mit seinem Vieh in Kenia. © Beckwith & Fisher

Von Gatu wa Mbaria*
March 15, 2023

Stoppe blutige CO2-Geschäfte auf indigenem Land

Schreibe eine E-Mail an Verra, eines der größten Zertifizierungsunternehmen für CO2-Gutschriften der Welt, und fordere es auf, die CO2-Zertifikate für den NRT zu streichen.

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Die Rechtmäßigkeit, Glaubwürdigkeit und der Wert eines millionenschweren CO2-Projekts, das Hirt*innen in Kenia dazu zwingt, traditionelle kulturelle Praktiken aufzugeben, wurde in einem Bericht von Survival International in Frage gestellt. Der Bericht bewertet das Projekt als konzeptionell fehlgeleitet, missbräuchlich, potenziell gefährlich, ohne Zustimmung der Landbesitzer*innen und zum Scheitern verurteilt.

Das im Norden Kenias angesiedelte Projekt wurde jedoch von internationalen Gutachter*innen und großen Unternehmen, die die Kredite bereits gekauft haben, gebilligt. Die Organisation, die hinter dem Projekt steht, hat Millionen verdient, obwohl ihr das Land nicht gehört und sie nicht nachweisen konnte, ob oder wie das Projekt CO2 im Boden speichert. Dies hat die Organisation jedoch nicht davon abgehalten, das Projekt als eines der größten CO2-Einsparungsprojekte der Welt anzupreisen.

Mit viel Sorgfalt und skalpellartiger Genauigkeit hat Survival International das Projekt seziert, sodass seine grundlegenden Fehler, konzeptionellen Schwächen und seine inhärente Unfähigkeit, das zu erreichen, was es lautstark behauptet und wofür es bezahlt wird, aufgedeckt werden konnten. Die internationale Organisation für die Rechte indigener Völker hat in ihrem Bericht „The NRT Northern Grassland Carbon Project“ eine sehr detaillierte Analyse des Projekts vorgenommen.

Beim Lesen der 63-seitigen Analyse entsteht das Bild eines trügerischen, ausgeklügelten Plans, der wenig mit dem zu tun hat, was er vorgibt zu sein. Es drängt sich auch der Eindruck auf, dass das gesamte Projekt nicht mit den grundlegenden Prinzipien der Kohlenstoffspeicherung im Boden übereinstimmt. Außerdem scheinen die Projekttragenden aus der Unfähigkeit der Gemeinden, mit denen sie angeblich zusammenarbeiten wollen, und aus dem unhinterfragten Eifer der großen Umweltverschmutzer*innen im Westen, Kapital zu schlagen, indem sie für etwas bezahlen, das man nur als „heiße Luft“ bezeichnen kann. Es handelt sich um umweltverschmutzende Unternehmen, die Millionen in den Kauf von Emissionszertifikaten gesteckt haben. All dies in dem unerklärlichen Glauben, dass die Zahlung an jemand anderen in der südlichen Hemisphäre die mit der Verschmutzung des Planeten verbundene eigene Verantwortung verringert.

Der Bericht erzählt klar und deutlich die Geschichte einer großen, gut finanzierten Organisation, die schamlos davon profitiert, die Wahrheit zu verdrehen. Gleichzeitig destabilisiert und diskreditiert sie wichtige traditionelle Institutionen, die die Weidepraktiken der Hirtengemeinschaften im Norden Kenias über lange Zeiträume hinweg verwaltet und gesteuert haben.

Willkommen beim „Northern Kenya Grasslands Carbon Project“ (NKCP); ein Projekt, das den Anspruch erhebt, eine Reihe von Erfolgen zu erzielen, aber der Darstellung von Survival International nach in fast allen Fällen kläglich scheitert.

 

Der Einfluss der Traditionen auf die Ressourcennutzung

Aus dem Bericht geht hervor, dass das Projekt etwa zwei Millionen Hektar in einer der abgelegensten und trockensten Regionen Kenias abdeckt. Es umfasst etwa 13 Naturschutzgebiete mit mehr als 100.000 Einwohner*innen, von denen die meisten zu den indigenen Gemeinschaften der Samburu, Borana, Massai und Rendille gehören. Als Viehzüchtende sind die Bewohner*innen auf die natürlich vorkommenden Weiden, Wasser, Salz und andere Ressourcen angewiesen, die für ihre extensive Viehzucht lebenswichtig sind. Für diese Gemeinschaften sind die Gesundheit und das Wohlergehen der Rinder, Schafe, Ziegen, Kamele und in gewissem Maße auch der Esel in mehrfacher Hinsicht direkt mit ihrem eigenen Überleben, Wohlstand und Status verbunden. Sie leben in einer ökologisch sensiblen Region, was sie dazu veranlasste, ein rationales und pragmatisches System zur Nutzung und Bewirtschaftung der einheimischen Ressourcen zu entwickeln, bei dem die Ältesten wichtige Entscheidungen treffen, an die alle gebunden sind. Heute befinden sich die Viehzüchter*innen aufgrund von Dürren, die infolge der Klimakrise immer häufiger und heftiger auftreten, in einer schwierigen Lage. Infolgedessen kommt es in der Region alle zwei bis drei Jahre zu einer kleineren und etwa alle zehn Jahre zu einer größeren Dürre, die oft zu schweren Hungersnöten und dem damit verbundenen Tod von Tausenden von Tieren führt.

 

Wie Geldgebende den NRT unterstützen 

Dies ist der ökologische, sozioökonomische und kulturelle Kontext, auf dem der Northern Rangelands Trust (NRT) das CO2-Projekt aufbaut. Der NRT wurde 2004 von Ian Craig, einer eher „unsichtbaren“ Naturschutzpersönlichkeit aus der alten kolonialen Riege, gegründet und zieht es vor, als „Mitgliederorganisation“ bezeichnet zu werden. Die Organisation gibt an, das Leben der Menschen zu verbessern, Frieden zu schaffen sowie zu erhalten und die Umwelt zu schützen. Heute rühmt sich die Organisation mit 43 kommunalen Schutzgebieten mit einer Fläche von 63.000 Quadratkilometern im Norden und an der Küste des Landes. Dieses Gebiet ist von großer nationaler Bedeutung, da es mehr als 10 Prozent der gesamten kenianischen Landfläche ausmacht.

Die Naturschutzarbeit des NRT hat wohlhabende Personen im Westen angezogen, die die Organisation großzügig über Wasser halten. Die Beträge, die sie jedes Jahr erhält, sind gewaltig und lassen andere grüne Organisationen vor Neid erblassen. Beispielsweise hat USAID seit 2004 rund 32 Millionen US-Dollar gespendet. Im Laufe der Jahre wurde die Unterstützung von USAID durch großzügige Beiträge der „Who is Who“ der europäischen Geldgeber*innen aufgestockt. Außer der Europäischen Union, Dänemark und Frankreich erhält die Organisation jedes Jahr über 25 Millionen US-Dollar von insgesamt 46 Geber*innen. Es ist nicht genau bekannt, wie viel die Organisation von wem erhält, da sie ihre Jahresabschlüsse nicht veröffentlicht. Die finanzielle Unterstützung, die der NRT erhält, hat jedoch in hohem Maße dazu beigetragen, die Organisation als Naturschutzorganisation bekannt zu machen, deren Modell von der EU übernommen wurde, als diese ihre Naturschutzbemühungen in 30 afrikanischen Ländern unter dem Banner von NaturAfrica begann. Auch Unternehmen haben sich mit Lob und Geld an den NRT gewandt, da er ihnen half, „ihre Schuld verstecken“ zu können. So wurde der NRT letztes Jahr vom World Business Council for Sustainable Development mit dem „Lighthouse“-Preis ausgezeichnet.

 

Mit solcher Unterstützung

Dank dieser Ermutigung und Unterstützung hat der NRT seine Mission ausgeweitet und umfasst jetzt nicht mehr nur den Erhalt der Natur. Neben der Übernahme von polizeilichen und sicherheitspolitischen Aufgaben ist die Organisation auch in der Viehvermarktung tätig. Ihre Naturschutzprojekte, Friedens- und Sicherheitsinitiativen haben jedoch bei vielen Menschen in Kenia für Aufregung gesorgt. Man wunderte sich darüber, dass eine Nichtregierungsorganisation über bewaffnete Einheiten verfügt und umstrittenerweise Aufgaben übernimmt, die laut Verfassung ausschließlich der kenianischen Regierung zustehen. Der NRT fühlt sich jedoch in seiner friedensstiftenden Mission bestätigt, weil er damit die richtigen Voraussetzungen für das eigene Naturschutzprogramm schafft. Diejenigen, die sich dagegen wehren – darunter viele der betroffenen indigenen Gruppen – sind der Ansicht, dass die Schutzmaßnahmen der Organisation das Leben und die Lebensgrundlage der Einheimischen beeinträchtigen. Sie müssen einen Teil ihres Gemeindelandes abtreten, um Platz für „Kerngebiete“ zu schaffen, die ausschließlich von Investor*innen, Tourist*innen und Wildtieren genutzt werden dürfen. Es gibt auch Berichte darüber, dass gut ausgebildete und bewaffnete NRT-Ranger*innen in außergerichtliche Tötungen und andere Formen von Menschenrechtsverletzungen verwickelt waren, wie das Oakland Institute, ein in den USA ansässiger Think-Tank, in dem Bericht Stealth Game: "Community" Conservancies Devastate Land & Lives in Northern Kenya, aufdeckte. Der Bericht versetzte dem Image der Organisation einen vernichtenden Schlag, da er offenbarte, wie der NRT und seine Partner*innen die Hirtengemeinschaften durch Korruption, Gewalt und Einschüchterung ihres angestammten Landes beraubten, um die Wildschutzgebiete zu schaffen und zu erhalten.

Offensichtlich sorgt der NRT oft für Kontroversen. Dem Bericht von Survival International zufolge hat die Organisation das CO2-Ausgleichsprojekt vor fast einem Jahrzehnt ins Leben gerufen, als die gegen sie erhobenen Vorwürfe allmählich an die Öffentlichkeit drangen. Das Projekt ist ehrgeizig, betritt Neuland im globalen CO2-Handelssystem und beruht auf der Einbeziehung von Hirtengemeinschaften in der Region. Im Wesentlichen beruht es auf der Überlegung, dass, wenn die Hirt*innen von der traditionellen „ungeplanten“ Weidehaltung abrücken und eine „geplante“ Rotationsweidehaltung einführen würden, die Vegetation in dem riesigen Gebiet bessere Chancen hätte, sich zu entwickeln. Infolgedessen, so die Überlegung, würde dies zu einer größeren Kohlenstoffspeicherung in den Böden des Projektgebiets führen. Der NRT schätzte, dass in jedem Hektar pro Jahr bis zu 750 Kilo zusätzlicher Kohlenstoff gespeichert werden könnten. Insgesamt schätzt die Organisation, dass das Projekt etwa 1,5 Millionen Tonnen zusätzlicher CO2-Speicherung pro Jahr generieren und damit Zertifikate für 41 Millionen Tonnen CO2 für den Verkauf während der 30-jährigen Laufzeit des Projekts erzeugen könnte. Dies wiederum würde nach Schätzungen von Survival zwischen 300 und 500 Millionen US-Dollar einbringen. Angesichts dieser hochattraktiven Rendite bezeichnete der NRT das Projekt bei Markteintritt als „natürliche Lösung gegen den Klimawandel“.

 

Projekt von Gutachter*innen abgesegnet

Bevor die CO2-Zertifikate potenziellen Käufer*innen angeboten wurden, durchlief das Projekt das Zertifizierungssystem von Verra, das nach eigenen Angaben „strenge Regeln und Anforderungen“ enthält. Aus den Unterlagen geht hervor, dass die mit der „Validierung“ des Projekts beauftragten Prüfer*innen mehrere Jahre Probleme hatten, Antworten auf Fragen zu ernsthaften Problemen des Projekts zu erhalten. Einige wurden nie beantwortet, aber erstaunlicherweise wurde das Projekt trotzdem schlussendlich genehmigt und ihm wurde eine echte, glaubwürdige und dauerhafte Emissionsminderung zugeschrieben. Ihm wird die Fähigkeit zugeschrieben, zusätzlichen Kohlenstoff im Boden zu speichern. Seit der Genehmigung durch Verra hat das Projekt etwa 3,2 Millionen CO2-Zertifikate geschaffen, die von den NRT-Vertreter*innen bis Januar 2022 verkauft wurden. Obwohl die Bruttoeinnahmen der Organisation nicht bekannt sind, schätzt Survival International, dass sie zwischen 21 und 45 Millionen US-Dollar liegen, wobei ein Teil der Zertifikate an Netflix und Meta Platforms (ehemals Facebook) verkauft wurde.

 

Undurchdringliche „Verschwörungsmauer“

In der Regel ist die Glaubwürdigkeit der Behauptungen von Naturschutzorganisationen in Kenia und anderen afrikanischen Ländern schwer zu ermitteln. Das liegt daran, dass dieselben Einrichtungen, die an der Projektplanung der Naturschutzprojekte beteiligt sind, später auch deren Qualität überprüfen. In einigen Fällen werden lokale und internationale Gutachter*innen mit der Durchführung von Bewertungsstudien beauftragt. Doch wenn externe Gutachter*innen vor Ort sind, werden sie in der Regel von Beamt*innen der gleichen Organisation begleitet, die sie mit der Prüfung beauftragt haben. Selbst in den Fällen, in denen die Prüfer*innen darauf bestehen, „unabhängige“ Überprüfungen durchzuführen, wird ihre Arbeit durch sprachliche, geografische und kulturelle Barrieren weitgehend behindert. Dies hat zu einer fast undurchdringlichen „Mauer des Schweigens und der Verschwörung“ geführt, denn die Ergebnisse der Wirkungsanalyse sind mehr oder weniger das, was sich die Organisation von den Prüfer*innen von vornherein gewünscht hat. Am Ende des Tages hat die Organisation ein gutes Image erschaffen und wird von den Geldgeber*innen legitimiert. Es ist kein Wunder, dass all die Milliarden, die in den Naturschutz fließen, nicht viel bewirken; die Tier- und Pflanzenarten sind ohnehin verschwunden; die Wildtierpopulationen gehen zurück, während die schlimmsten Auswirkungen der Klimakrise sogar im CO2-Ausgleichsprojekt des NRT zu spüren sind.

Was das CO2-Projekt betrifft, so weicht die Wahrheit in der Regel in hohem Maße von den Angaben der Organisation und der Projektgutachter*innen ab. Survival International hat eine unübersehbare Diskrepanz zwischen dem, was der NRT wortgewandt in die Projektdokumente geschrieben hat, und der Realität im Projektgebiet festgestellt. Am wichtigsten ist, dass der NRT die Gemeinden nicht richtig über das Projekt informiert hat, geschweige denn, dass sie ihre freie, vorherige und informierte Zustimmung dazu erhalten haben. Als Vertreter*innen von Survival International das Gebiet bereisten, stellten sie fest, dass der NRT die erforderlichen Informationen bestenfalls an eine kleine Anzahl von Personen weitergegeben hatte, die in den Vorständen der 13 Konservatorien saßen. Die Informationen waren jedoch begrenzt, wurden nicht in die regionalen indigenen Sprachen übersetzt sowie weitergegeben und erfolgten „lange nach Beginn des Projekts“. Dies wurde auch von den Prüfer*innen des Projekts bei der ersten Überprüfung festgestellt. Damit ist dies ein klarer Verstoß gegen einige der Grundsätze, die bei Emissionshandelsprojekten beachtet werden müssen.

Das gesamte Projekt kann als eines angesehen werden, das das Leben von Zehntausenden von Viehzüchter*innen ausbeutet und in grober Weise in ihre Lebensweise eingreift. Im Laufe des Projekts verloren die Gemeinden zunehmend die Kontrolle über ihr Land und die Möglichkeit, über dessen Nutzung zu bestimmen. Als die Organisation sich daran machte, die – wie sie es nennt – „kulturellen Hindernisse“ für die Kohlenstoffspeicherung im Boden zu beseitigen, wurde die Ungerechtigkeit des gesamten Ansatzes deutlich: Menschen, die mit der Verschmutzung des Planeten nur wenig zu tun haben, wurden gezwungen, ihre Lebensweise zu ändern, um sich dem Diktat einer Organisation zu unterwerfen, die mit Unwahrheiten und unbewiesenen Methoden versucht, Gelder zu erhalten, die ihr nicht zustehen. Ungeachtet dessen versucht das Projekt, vorherrschende traditionelle Lebensgewohnheiten zu ihren Gunsten zu beeinflussen. Durch die Zahlung von Geldern an Erwachsene werden diese gedrängt, Aufgaben in der Viehzüchtung zu übernehmen, die normalerweise den jungen Familienmitgliedern zufallen. Dies wird als ein eklatanter Versuch angesehen, die Würde der Männer und Frauen zu zerstören, die traditionell andere Tätigkeiten ausführen. Und es wird, wie es im Bericht heißt, wahrscheinlich auf „Ablehnung und Misserfolg“ stoßen.

Darüber hinaus wirft der Bericht ernsthafte Fragen zur Rechtmäßigkeit des Projekts auf. Die Hälfte des Projektgebiets befindet sich auf Land, das als Treuhandland eingestuft ist und den Bestimmungen des Community Lands Act von 2016 unterliegt. Das Gesetz beauftragt nicht den NRT, sondern die jeweiligen Bezirksregierungen damit, das Land „treuhändisch zu verwalten“, bis es formell als Gemeindeland registriert ist. Der Registrierungsprozess hat jedoch zu lange gedauert, wobei die Verzögerungen teilweise nach Ansicht einiger Einheimischer auf die „aktive Behinderung“ durch die mächtige Organisation zurückzuführen sind. Tatsächlich wurde die Rechtmäßigkeit des vom NRT eingerichteten Schutzgebiet im Jahr 2021 vor dem Umwelt- und Landgericht angefochten. Der Fall ist noch nicht abgeschlossen.

Im Zusammenhang mit der Rechtmäßigkeit des Projekts steht die im Bericht von Survival International aufgeworfene Frage, ob der NRT das Recht hat, mit CO2 zu handeln, der in den Böden von Gebieten gespeichert ist, die nicht der Organisation gehören. Die Organisation hatte keine formelle Vereinbarung mit den Gemeinden in den 13 Schutzgebieten getroffen, bevor sie das Projekt in Angriff nahm. Die Vereinbarungen wurden erst im Juni 2021, achteinhalb Jahre nach Beginn des Projekts, zusammengeschustert. Dazu heißt es in dem Bericht: „Der NRT hatte in diesem Zeitraum kein klares vertragliches Recht, den Kohlenstoff zu verkaufen."

In seiner Mitteilung hat der NRT immer wieder angegeben, dass die Organisation nicht Eigentümer des betroffenen Landes ist. Man würde also erwarten, dass der NRT den größten Teil der Erlöse aus dem CO2-Projekt an die Gemeinden weitergibt. Survival International sagt jedoch, dass die Organisation nicht nur weiterhin den Löwenanteil der Erlöse für sich beansprucht, sondern auch das letzte Wort bei der Verteilung der Erlöse hat. Die Organisation behauptet, dass sie 30 % der gesamten Gelder an die 13 Naturschutzgebiete „für Zwecke, die die Gemeinden selbst bestimmen“, verteilt. Survival International bezweifelt dies jedoch. „Dies erweist sich größtenteils als nicht zutreffend“, heißt es in dem Bericht. Weiter heißt es, dass 20 % des Anteils der Naturschutzgebiete tatsächlich für die vom NRT vorgeschriebenen „Weidepraktiken“ ausgegeben werden, während „60 % nach dem Ermessen der Organisation“ verteilt werden. Gemeindeleiter*innen, die während der Untersuchung von Survival International befragt wurden, sagten, dass die Verteilung durch einen weitgehend „undurchsichtigen Prozess" erfolgt und dass das Geld benutzt wird, um „Kontrolle über die Gemeinden auszuüben und NRTs eigene Prioritäten zu fördern.“

 

Akzeptanz in den Gemeinden erzwingen

Der Bericht bezeichnet die Glaubwürdigkeit der CO2-Kompensationen als „mangelhaft“ und ihre Auswirkungen auf die Hirtengemeinschaften als „negativ“. Der Erfolg des Projekts (oder das Ausbleiben desselben) hängt davon ab, ob es gelingt, die Gemeinschaften dazu zu bringen, eine radikale Abkehr von den teilweise jahrhundertealten traditionellen Weidemustern zu akzeptieren, von denen die Organisation glaubt, dass sie die geforderten Kohlenstoffkompensationen bewirken würden. Nach Ansicht von Survival International könnte dies jedoch die Lebensgrundlage und „die Ernährungssicherheit der Hirt*innen gefährden und wäre zudem soziokulturell zerstörerisch“. Durch die Einrichtung eines Projekts, das von den Hirt*innen verlangt, ihre Tierhaltung auf das Projektgebiet zu beschränken, wollte der NRT das Projekt mit einer der Anforderungen der entsprechenden Methodik in Einklang bringen. Dabei wird jedoch einer offensichtlich rationalen und pragmatischen Praxis der Tierhaltung, die von den Gemeinschaften bereits Hunderte von Jahren vor Beginn des Projekts angewandt wurde, keinerlei Bedeutung beigemessen.

Noch schmerzlicher ist, dass die Forderung des NRT den Problemen der Hirtengemeinschaften, die mit den sich verschlechternden Klimaveränderungen zu kämpfen haben, nicht gerecht zu werden scheint. Dies ist auch ein typisches Beispiel für die missliche Lage, in der sich Gemeinschaften in unterschiedlichen Regionen Afrikas befinden, wenn sie gezwungen werden, sich an Aktivitäten zu beteiligen, die kaum ihrem eigenen Überleben und ihren Interessen dienen. Für viele progressive Kenianer*innen ist der NRT, obwohl die Organisation in Kenia gegründet wurde, in seiner Philosophie und Arbeitsweise „fremd und [aus Europa] transplantiert“. Viele halten die NGO für eine Einrichtung, die kühn und zielstrebig das koloniale Szenario wieder aufleben lässt, in dem weiße Menschen kein Problem darin sehen, mit Gewalt und Geld Veränderungen durchzusetzen, die den lokalen Gemeinschaften nicht zugutekommen, sondern ihr Leben stattdessen stark beeinträchtigen.

 

Vorwürfe an den NRT gerechtfertigt?

Der NRT kann sich dem Vorwurf des Kohlenstoff-Kolonialismus nicht entziehen, ebenso wenig wie die umweltverschmutzenden Unternehmen, die sich nicht davor scheuen, mit „Zwischenhändler*innen“ und sonstigen Personen und Unternehmen zu verhandeln, aber nicht mit den Eigentümer*innen des Landes selbst, auf welchem das Kohlenstoffhandelsprojekt umgesetzt wird. Dessen ungeachtet stellt sich die Frage, ob die Organisation Millionen von Dollar verdient, die Netflix und andere Unternehmen an sie zahlen. Darüber hinaus liefert das Projekt keine glaubwürdigen Beweise dafür, dass die traditionelle Beweidung zu einer Verschlechterung der Böden und damit zu einem Verlust von Bodenkohlenstoff geführt hat. „Es basiert auf der Annahme, dass die traditionellen Formen der Weidehaltung zu einer Verschlechterung der Böden geführt haben und dass nur das CO2-Projekt Abhilfe schaffen kann“, heißt es in dem Bericht. Der Bericht fügt hinzu, dass der NRT die Behauptung, die Verschlechterung der Böden wäre durch „ungeplante Beweidung“ verursacht worden, „nicht durch empirische Beweise“ untermauert.

Gleichzeitig scheint die im Kernprojekt vorgesehene „geplante Rotationsbeweidung“ nicht stattzufinden. „Die begrenzten Informationen, die das Projekt angeblich zur Verfügung stellt, um eine Verschlechterung der Vegetationsqualität in der Zeit vor dem Projekt zu beweisen, zeigen dies in Wirklichkeit überhaupt nicht“, heißt es weiter in dem Bericht. In jedem Fall deuten die vom NRT vorgelegten Beweise darauf hin, dass die Qualität der Vegetation seit Beginn des Projekts abgenommen hat“. Der Bericht kommt zu dem Schluss, dass „dies darauf hindeutet, dass der Bodenkohlenstoff in einem großen Teil des Gebiets tatsächlich ebenfalls abnimmt“.

 

Stein für Stein 

Survival International demontiert in seinem Bericht Stück für Stück die meisten der grundlegenden Behauptungen des Projekts. Der Bericht stellt nicht nur die Methode zur Bewertung der Kohlenstoffspeicherung als „ungeeignet“ dar, sondern bestreitet auch die Glaubwürdigkeit der regelmäßigen Berichte über die Weideaktivitäten, die von den 13 Naturschutzgebieten vorgelegt wurden, und bezeichnet sie als „völlig wertlos“. Dem Bericht zufolge kann man sich nicht darauf verlassen, ob die Rotationsweide durchgeführt wurde, geschweige denn, welche Ergebnisse damit erzielt wurden. Hinzu kommt, dass der NRT eine fehlerhafte Methode zur Messung der im Boden gespeicherten Kohlenstoffmenge verwendete – und zwar die Betrachtung der Vegetation aus der Ferne und nicht die direkte Messung des Bodenkohlenstoffs. Offensichtlich ist sich der NRT der Schwächen dieses Ansatzes bewusst und gibt sogar zu, dass er eine sehr große Fehler- und Ungenauigkeitsspanne aufweist – Survival International bezeichnet ihn als „nachweislich fehlerhaft“. Außerdem ist es höchst zweifelhaft, dass zusätzlich gespeicherter Kohlenstoff (was unwahrscheinlich ist) lange im Projektgebiet verbleiben kann. Dazu behauptet Survival International, dass die sich verschlechternden Klimaveränderungen in den meisten Teilen des Projektgebiets sowie in der gesamten Region Nordkenia „zu einem Rückgang der Vegetation und der Kohlenstoffspeicherung im Boden führen werden“.

Der NRT behauptet, dass er in der Lage war, die Anzahl der Tage zu zählen, die das Vieh außerhalb des Projektgebiets verbracht hatte. Diese Information ist wichtig, um zu belegen, dass die Beweidung nicht außerhalb des Projektgebiets stattgefunden hat. Ist das der Fall, würde das die gesamte Rechnung über den Haufen werfen, da die Belastung durch Kohlenstoff einfach woanders stattgefunden hat, aber kein zusätzliches CO2 im Boden des Projektgebiets gespeichert wurde – wie der NRT behauptet. Die monatlichen Weideberichte, die zur Überwachung der Viehbewegungen herangezogen werden, sind für diesen Zweck jedoch unzureichend; es fehlen glaubwürdige Informationen darüber, wo sich die Tiere zu einem bestimmten Zeitpunkt aufhalten, und sie beruhen auf Karten, die ungenau sind und an Vermutungen grenzen. Hinzu kommt, dass das Projektgebiet weitgehend abgelegen und unzugänglich ist, sodass es fast unmöglich ist, die Vorgänge innerhalb der äußerst durchlässigen Projektgrenzen zu überwachen. Obwohl der NRT angibt, über einen Mechanismus zu verfügen, um Viehbewegungen außerhalb des Projektgebiets festzustellen und zu überwachen, entspricht dies nicht der Methodik, nach der das Projekt ursprünglich entwickelt wurde. Anders ausgedrückt: Die Organisation hat wenig oder gar keine Ahnung vom Ausmaß der Kohlenstoff-„Verlagerung“.

 

Eine bewusste Lüge?

Aus der einfachen Beurteilung des Berichts wird deutlich, dass das Projekt der langen Tradition folgt, in der viele Nichtregierungsorganisationen in Kenia Tatsachen verdrehen, um sich die Finanzierung durch diejenigen im Westen zu sichern, die bereit sind, ihre Geldbörsen zu öffnen. Man kann sich nicht rational erklären, wie es dem NRT gelungen ist, die Zustimmung von Gutachter*innen und riesige Geldbeträge von Großunternehmen zu erhalten. Die Erklärung scheint woanders zu liegen: Der Erfolg, mit dem solche NGOs Millionen von Euro erhalten, hat damit zu tun, ob sie in der Lage sind, Weiße entweder als Gründer*innen, als Mitglieder*innen ihrer Vorstände oder als Mitarbeiter*innen in den höchsten Rängen ihrer Einrichtungen zu beschäftigen. Aus irgendeinem Grund haben NGOs, die Weiße in Kenia rekrutieren, eine weitaus größere Chance, finanzielle Unterstützung aus Europa oder Amerika zu erhalten. In diesem Zusammenhang ist der NRT mit der Familie Craig verbunden, die seit den frühen 1900er Jahren in Kenia lebt. Diese Familie hat mehr als nur eine zufällige Beziehung zum britischen Königshaus. So pflegte Prinz William nicht nur eine enge Freundschaft mit Jessica Craig, der Tochter des Gründers des NRT, Ian Craig; sondern machte Kate auch einen Heiratsantrag in Craigs ehemaligem Familiensitz im Lewa Wildlife Conservancy. Einem zufälligen Beobachter mag der Zusammenhang nicht auffallen, aber viele Organisationen, die von Weißen in Kenia gegründet wurden, kommen leicht mit ungerechtfertigten Un- und Halbwahrheiten davon. Diejenigen, die sie finanzieren, scheinen kein Interesse daran zu haben, unabhängige Evaluationen zu erhalten, die Aufschluss über den Wahrheitswert solcher Organisationen geben.

Das CO2-Projekt des NRT ist da nicht anders. Es stellt die Fakten eindeutig falsch dar, während sein Wahrheitsgehalt und sein Wert fragwürdig sind. Man ist nicht in der Lage zu entscheiden, ob das gesamte Projekt auf einer sorgfältig ausgearbeiteten Lüge beruht, die durch die Verwendung eines komplizierten Algorithmus zustande gekommen ist, oder ob es einfach nur ein Schwindel ist.

Lies den gesamten Bericht hier

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*Gatu Mbaria ist freier Umweltkorrespondent aus Kenia und Mitautor des Buches „The Big Conservation Lie“ (E-Mail: [email protected])

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