Deutsche Steuergelder finanzieren „Säuberung“ indigener Völker im Namen des Naturschutzes im Kongo

6 April 2022

Innocent Mburanumwe (Mitte des Bildes), gegen den bereits 2019 wegen sexueller Belästigung und Gewalt ermittelt wurde, schildert die „freiwillige Umsiedlung“ von Batwa-Gemeinden in einem Imagefilm des Nationalparks. © Kahuzi Biega National Park

Ein neuer Bericht von Minority Rights Group enthüllt, dass Parkranger*innen im von Deutschland finanzierten Kahuzi-Biega-Nationalpark (PNKB) in der Demokratischen Republik Kongo Gruppenvergewaltigungen, Verbrennungen von Kindern und andere schwere Menschenrechtsverletzungen an indigenen Batwa begangen haben. Deutschland ist der wichtigste Geldgeber des Parks und unterstützte auch die „Kampfausbildung“ der Parkwächter*innen, die möglicherweise sogar gegen ein UN-Waffenembargo verstößt, heißt es in dem Bericht.

Die aufgedeckte und durch Zeugenaussagen belegte Gewalt gegenüber den indigenen Batwa umfasst das Niederbrennen ganzer Dörfer, den Einsatz von schweren Waffen wie Mörsern und Panzerabwehrhandwaffen, das gezielte Töten von unbewaffneten Zivilist*innen, Gruppenvergewaltigungen, das Lebendigverbrennen von Angehörigen der Batwa, einschließlich zweier Kinder, und das Schänden von Leichen.

Der Bericht dokumentiert drei Wellen von Angriffen zwischen 2019 und 2021, bei denen paramilitärische Ranger*innen des Nationalparks zusammen mit der kongolesischen Armee (FARDC) das Naturschutzgebiet von Batwa-Indigenen „säubern“ sollten. Mindestens 20 Batwa starben.

Der deutsche Botschafter Dr. Oliver Schnakenberg bei einem Besuch im Kahuzi-Biega Nationalpark im August 2021. Angaben des Parks zufolge brachte er „seine Bewunderung für die Arbeit der Ranger zum Ausdruck“. Der Besuch fand wenige Tage nach einer der Angriffswellen auf die Batwa statt. © Kahuzi Biega National Park

Seit 1986 ist Deutschland der wichtigste Geldgeber des Kahuzi-Biega-Nationalparks, obwohl Menschenrechtsverletzungen lange bekannt sind. 2017 hatte eine Batwa-Familie sogar offizielle Beschwerden an die deutschen Entwicklungshilfeorganisationen GIZ und KfW gerichtet, nachdem ihr 17-jähriger Sohn von Parkwächtern getötet worden war.

Trotz ausdrücklicher Warnungen vor bevorstehenden Übergriffen, wurde auch vor der ersten Großoffensive 2019 die finanzielle Unterstützung aufrechterhalten. Weitere Zahlungen gab es 2020 und danach.

Die staatseigene deutsche Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) sowie die deutsche Unternehmensberatung GFA Consulting Group, die an von Deutschland finanzierten Projekten arbeitet, haben durch ihre Unterstützung der paramilitärischen Ranger*innen dem Bericht zufolge wahrscheinlich auch gegen das Waffenembargo des UN-Weltsicherheitsrats für die Demokratischen Republik Kongo verstoßen.

Andere Unterstützer sind die US-Regierung und die Naturschutzorganisation WCS.

Der Bericht enthält erschütternde Details. Während der Angriffswelle Ende 2021 kam es zur Gruppenvergewaltigung von mindestens 15 Batwa-Frauen, von denen zwei in den folgenden Tagen starben – vermutlich durch die erlittenen Verletzungen. Während der gleichen Zeit wurden zwei Kinder Angaben zufolge vorsätzlich bei lebendigem Leib verbrannt. Augenzeug*innen berichteten, dass Parkranger*innen und Soldat*innen das Haus, in dem sich die beiden Kinder befanden, zuerst ansteckten und anschließend die Tür zuhielten, um ihnen jedwede Fluchtmöglichkeit zu nehmen.

Minority Rights Group kommt in dem Bericht zu dem Schluss, dass es “unwahrscheinlich [ist], dass die in diesem Bericht dokumentierte organisierte Gewalt ohne die entscheidende Unterstützung durch internationale Unterstützer stattgefunden hätte.”

Caroline Pearce, Direktorin von Survival International, sagte heute: „Seit Jahren ist in Berlin bekannt, dass deutsches Engagement im Naturschutz zu Vertreibungen, Misshandlungen und Gewalt an indigenen Gemeinden führt. Es gab und gibt Untersuchungen, Initiativen, Bekundungen – aber sie sind das Papier nicht wert, auf dem sie stehen.“

Ein Batwa-Angehöriger erklärte schon vor einigen Jahren gegenüber Survival: „Sie töten uns und sie bekommen Hilfe von der deutschen Regierung … die gesamte Unterstützung, die der Park von der deutschen Regierung erhält, muss gestoppt werden, damit sie [die Parkverwaltung] begreift, dass das, was sie getan hat, falsch ist.“

Fiore Longo, Leiterin der Naturschutzkampagne von Survival International, sagte heute: „So sehr uns dieser neue Bericht auch empören mag, Kahuzi-Biega ist kein Einzelfall. Die schrecklichen Menschenrechtsverletzungen, die in diesem Park in der Demokratischen Republik Kongo im Namen des ‚Naturschutzes‘ geschehen, finden überall in Afrika und Asien statt, meist bezahlt von unseren Steuergeldern. Deutschland ist einer der wichtigsten Geber für den internationalen Naturschutz und sogenannte ‚Anti-Wilderei-Maßnahmen‘. Der 30×30-Plan, der nun auch von Deutschland als Lösung für den Verlust der biologischen Vielfalt angepriesen wird, soll die Fläche der Schutzgebiete verdoppeln – und damit wahrscheinlich auch die Zahl dieser Verbrechen. Wir müssen das stoppen. Wir können nicht mehr wegsehen".

Hinweise an die Redaktion:

- Hier können Sie den Bericht „To Purge the Forest by Force“ (Den Wald gewaltsam säubern) von Minority Rights Group abrufen.

- Colin Luoma ([email protected]) von Minority Rights Group und Survival International ([email protected]) stehen für Interviews und Hintergründe zur Verfügung.

- Bei der Konferenz „Keine Biodiversität ohne menschliche Vielfalt“ am 28. April 2022 in Berlin, wird Minority Rights Group auch auf diese Recherchen eingehen. Eine Anmeldung ist hier möglich: „Keine Biodiversität ohne menschliche Vielfalt“

- Der Kahuzi-Biega-Nationalpark wurde in den 70er Jahren gegründet und erweitert, wobei die indigene Bevölkerung von ihrem angestammten Land vertrieben wurde. Nach Jahrzehnten gebrochener Versprechen hinsichtlich der Vertreibung und möglicher Entschädigungen, siedelten 2018 einzelne Batwa-Gruppen zurück auf ihr angestammtes Land im Park. Gegen sie richteten sich die „Säuberungen“.

- Expert*innen betonen, dass die Situation im Kahuzi-Biega-Nationalpark kein Einzelfall ist, sondern „exemplarisch für vor allem in Afrika und Asien weitverbreiteten militarisierten Naturschutz ist, der Naturerbe und indigene Völker gleichermaßen bedroht“.

- In indigenen Gebieten sind die Landrechte der indigenen Völker anerkannt: Es ist rechtlich ihr Land. Im Gegensatz dazu werden Naturschutzgebiete im Globalen Süden fast immer von Regierungsbehörden und Naturschutzverbänden wie WCS oder WWF verwaltet und schließen oft menschliche Aktivitäten aus oder schränken sie ein, was zu Konflikten mit indigenen Gemeinden führt.

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