Das abgeschiedenste Volk der Welt?

 

Update: Im April 2015 erschienen mehrere Artikel, in denen die Sentinelesen als „extrem aggressiv“ oder „Andenken an die Vergangenheit“ beschrieben wurden. Lesen Sie hier die wahre Geschichte.

Akzeptieren Sie keine rassistischen Bemerkungen über indigene Völker in der Presse. Kommentieren Sie solche Artikel und sagen Sie den Verantwortlichen „Hören Sie damit auf!“.


In den Tagen nach dem verheerenden Tsunami 2004, als das ganze Ausmaß der Zerstörung und das Entsetzen auf den Inseln des Indischen Ozeans deutlich wurden, warf das Schicksal der indigenen Völker auf den Andamanen Inseln Rätsel auf.

Es schien unvorstellbar, dass die Sentinelesen den Tsunami, der direkt über ihre Insel gefegt war, überlebt haben sollten.

Ein Satellitenbild von North Sentinel Island im indischen Ozean.

Ein Satellitenbild von North Sentinel Island im indischen Ozean.
© Survival

Als jedoch ein Hubschrauber tief über die Insel hinweg flog, kam ein Mann des Volkes zum Strand gelaufen. Er zielte mit einem Pfeil auf den Piloten und gab damit deutlich zu verstehen: „Wir wollen Euch hier nicht haben.“ Die Sentinelesen waren damit die einzigen der unzähligen Menschen, die von dem Unglück betroffen waren und keine Hilfe benötigten.

Möglicherweise lebt kein anderes Volk auf der Erde noch isolierter als die Sentinelesen. Es wird vermutet, dass sie direkte Nachfahren der ersten Menschen sind, die auf ihrer Wanderung aus Afrika vor ungefähr 55.000 Jahren die Andamanen Inseln besiedelten. Die Tatsache, dass ihre Sprache sich selbst von denen anderer andamanischer Insulaner stark unterscheidet, lässt vermuten, dass sie seit Jahrtausenden kaum Kontakt zu anderen Menschen hatten.

Das bedeutet jedoch nicht, dass sie heute noch genauso leben wie vor 55.000 Jahren. Obwohl diese Menschen beispielsweise häufig als „steinzeitlich“ beschrieben werden, fertigen sie Werkzeuge und Waffen aus Metall, das sie von gestrandeten Schiffen einsammeln.

Wie viele isoliert lebende indigene Völker werden die Sentinelesen oft unzutreffend als „wild“ und „rückständig“ bezeichnet und als Furcht einflößend angesehen. Ihre Feindseligkeit gegenüber Fremden ist jedoch verständlich, da sie von Außenstehenden viel Gewalt und Verachtung erfahren haben.

Ein Sentinelese am Strand. Dieses Bild wurde 2006 von einem Boot aus aufgenommen.

Ein Sentinelese am Strand. Dieses Bild wurde 2006 von einem Boot aus aufgenommen.
© Christian Caron – Creative Commons A-NC-SA

1879 wurden beispielsweise ein älteres Paar und einige Kinder der Sentinelesen gewaltsam nach Port Blair, der wichtigsten Stadt der Insel, verschleppt. Der für die Entführung verantwortliche Kolonialoffizier beschrieb, dass die ganze Gruppe „schnell erkrankte und der alte Mann und seine Ehefrau starben, sodass die vier Kinder mit mehreren Geschenken nach Hause geschickt wurden.“

Obwohl verantwortlich für den Tod von mindestens zwei Menschen und wahrscheinlich auch dem Ausbruch einer Epidemie, zeigte der Offizier keine Reue. Er merkte lediglich „den eigentümlich schwachsinnigen Gesichtsausdruck, sowie das Benehmen der Sentinelesen“ an.

Wie weit eine solche Behauptung von der Wahrheit entfernt liegt, zeigt ein Video, das in den 1990ern bei einer Expedition der indischen Regierung aufgenommen wurde.



In größter Isolation

Darin sind die Insulaner zweifelsfrei von guter Gesundheit und wirken aufmerksam. Anders als zwei andere andamanische Völker, die Onge und die Großen Andamanesen, die angeblich von der westlichen Zivilisation „profitiert“ haben: Deren dezimierte Bevölkerung ist heute von der Unterstützung der Regierung abhängig.

Der politische Druck von Survival und anderen Organisationen hat die indische Regierung dazu gebracht, ihre Strategie gegenüber den Sentinelesen zu ändern. Anstelle Kontakt zu ihnen aufzunehmen, haben die Behörden aus den fatalen Folgen dieser Politik für andere Völker auf den Andamanen gelernt und erkennen das Recht der Sentinelesen auf Autonomie an. Dahinter steht die ganz simple Einsicht, dass die Menschen selbst am besten über ihre eigene Zukunft entscheiden können.

 

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