Eure Wildnis, Unser Zuhause (I)

 
von Stephen Corry

Im ersten von zwei Artikeln argumentiert Survivals Direktor Stephen Corry, dass Naturschutzmaßnahmen ihre Ziele verfehlen, weil sie regelmäßig die Rechte indigener Völker verletzen.

“Die Initiativen von Survival International, um Naturschutz mit indigenen Rechten zu kombinieren, sind sehr zu begrüßen. Diese Themen sind von großer Bedeutung und verdienen kräftige Unterstützung.”
– Noam Chomsky, 2014

Vor zwanzig Jahren stellten die Spendenwerber des World Wide Fund For Nature (WWF) eine sehr seltsame Frage: Sollte man die Armee oder einen Anthropologen schicken, um Indigene davon abzuhalten, den Amazonasregenwald zu zerstören?

WWF-Anzeige aus dem Jahr 1994.

WWF-Anzeige aus dem Jahr 1994.

© WWF

Ähnlich bizarr kamen die Aussagen des WWF daher, dass die Medien „mit Aufrufen zur Rettung von Ureinwohnern überschwemmt“ wären, gefolgt von der Frage: „Verdienen sie wirklich unsere Unterstützung?“ Die weltweit führende Naturschutzorganisation behauptete weiter, dass indigene Völker viele Dinge von Außenstehenden gelernt hätten, darunter „Gier und Korruption“. Immerhin war die Antwort, die der WWF auf das angebliche Dilemma gab, nicht die Armee, sondern der Aufruf an besorgte Personen, mehr Geld an den WWF zu spenden – das Einkommen des WWF beträgt heute rund 2 Millionen US-Dollar am Tag – , damit er „mit Ureinwohnern arbeiten kann, um Naturschutztechniken zu entwickeln“.

Wir bei Survival International waren bestürzt, genauso wie indigene Organisationen, denen wir die Anzeige zeigten. Dass der WWF „übertöpelte“ Indigene für Abholzung verantwortlich machte, war schon ernst genug; die Behauptung, dass Indigene mehr Gelder erhalten würden als Naturschutzorganisationen, war schlichtweg lächerlich; aber Soldaten auch nur im gleichen Satz mit Naturschützern zu erwähnen, klang wie ein dunkles Echo kolonialer Ideologie, in der die Umweltschutzbewegung fragwürdige Wurzeln hat.

Letztendlich hat die Werbeanzeige des WWF wohl mehr Stirnrunzeln unter seinen Unterstützern hervorgerufen als bei vielen Indigenen. Letztere nannten große Naturschutzorganisationen schon lange in einem Atemzug mit Entwicklungsbanken, Straßen- und Staudammplanern, Bergarbeitern und Holzfällern. Alle, so sagten sie, sind Außenstehende, die erpicht darauf sind indigenes Land zu stehlen.

Verbindungen des WWF-International Board (Aufsichtsgremium) zu großen Unternehmen, 2014

Verbindungen des WWF-International Board (Aufsichtsgremium) zu großen Unternehmen, 2014

© Survival International

In den letzten 20 Jahren haben manche Naturschutz-Gruppen immerhin ihre Sprache ausgebessert: In ihren Strategien ist nun von einer partnerschaftlichen Zusammenarbeit mit lokalen indigenen Gemeinden die Rede, es geht um Konsultationen und darum, wie man sich den UN-Standards zu indigenen Rechten verpflichtet fühlt. Ohne Zweifel glauben auch viele in der Naturschutz-Industrie daran und haben erkannt, dass indigene Völker in der Regel genauso gute Naturschützer sind wie jeder andere, wenn nicht sogar deutlich bessere.

Selbst jene die anderer Meinung sind, erkennen zumindest an, dass man die lokale Bevölkerung – egal ob indigen oder nicht – nicht vor den Kopf stoßen sollte, denn dies führt irgendwann dazu, dass Schutzgebiete abgelehnt und attackiert werden. Dies ist einer der Gründe, warum die Naturschutz-Industrie zumindest auf dem Papier der Einbindung lokaler Gemeinden soviel Bedeutung zumisst. Aber abgesehen vom Verfassen neuer Strategien, wie sehr haben sich die Dinge in den letzten 20 Jahren wirklich verändert? Tragischerweise für viele, lautet die Antwort „Nicht sehr“; in manchen Regionen ist die Lage sogar schlimmer geworden.

Die vom WWF angeregten Tiger-Reservate in Indien beispielsweise werden zunehmend dazu genutzt, um indigene Völker aus ihrem Wald zu vertreiben, damit Touristen dort ungestört Einzug halten können. Die Menschen werden mit einer Handvoll Rupies bestochen ihr Land aufzugeben, das ihre Familien für Generationen ernährt hat. Meist werden Versprechen gebrochen und Indigene bleiben mit leeren Händen und ein paar Plastikplanen als Behausung zurück. Unabhängig davon, ob finanzielle Anreize letztendlich gezahlt werden oder nicht, werden sie mit Drohungen und Einschüchterungen bekräftigt: Indigenen Völkern wird immer wieder gesagt, dass ihre Häuser und Felder zerstört werden würden und sie am Ende nichts bekämen, wenn sie nicht umsiedeln. Geben die Betroffenen dem Druck schließlich nach, nennen Umweltschützer dies „freiwillige Umsiedlungen“. Es ist kaum wert zu erwähnen, dass dies illegal ist.

Neuere Belege dafür, dass es Tigern in Gebieten besser geht, in denen indigene Dörfer nicht umgesiedelt wurden, mögen manche Leute überraschen. Doch die offenen Felder der Menschen locken mehr Beutetiere des Tigers an als geschlossene Waldgebiete. Wenn die Gemeinden jedoch vertrieben werden, übernehmen Straßen, Hotels und Jeeps voller schaulustiger Touristen ihre Lichtungen. Studien zeigen, dass Tourismus das Stressverhalten von Tieren erhöht. In anderen Worten: Wenn Sie glückliche Tiger wollen, dann ist es deutlich besser Indigene dort zu belassen, wo sie schon immer waren. Ohne Frage sind sie die besten Augen und Ohren, um Wilderei in ihrem Gebiet zu melden; Baiga aus dem bekannten Kanha-Reservat respektieren die großen Katzen als ihre „kleinen Brüder“.

Touristen auf der Spur der Tiger.

Touristen auf der Spur der Tiger.
© Brian Gratwicke

Wildhüter in Tiger-Reservaten bedrohen und schlagen Indigene, wenn sie sie in dem Gebiet antreffen, das einst ihr angestammtes Land war. Aber immerhin greifen sie nicht zu Folter, wie es Anti-Wilderer-Einheiten im Einsatz gegen Baka-„Pygmäen“ in Kamerun tun. Um nochmals auf die Werbeanzeige des WWF zurückzukommen: Naturschutz schickt Soldaten, so wie es schon immer war. Schwer bewaffnete paramilitärische Einheiten unter Kontrolle der Regierung begleiten „Wildhüter“, die mit den Geldern des WWF ausgestattet wurden. Sie schlagen jene, die verdächtigt werden Schutzgebiete betreten zu haben, die doch eigentlich die angestammte Heimat der Baka sind. Indigene wurden angriffen selbst wenn man nur vermutete, dass sie jene kennen würden, die das Gebiet betreten hatten. In der Zwischenzeit wird ihr Land abgeholzt und Bodenschätze werden abgebaut – auch von Partnern des WWF.

Ein Baka-Mann berichtete uns: „Sie schlugen uns in der WWF-Basis. Ich starb fast.“ Der WWF scheint unfähig, diese Misshandlungen zu stoppen. Er weiß bereits seit Jahren davon, übt aber lieber beißende Kritik an jenen, die dagegen mobil machen: Survivals „absurde“ Kampagne, um darauf aufmerksam zu machen, würde nach Behauptung des WWF den „echten“ Verbrechern helfen.

Indigene Opfer werden weiterhin beständig der „Wilderei“ beschuldigt: Ein Wort, das heute all jene Arten des Jagens bezeichnet, die Umweltschützer nicht gutheißen – auch Jagd für die eigene Ernährung. Allerdings umfasst diese nicht jede Art der Jagd. Viele Naturschutzorganisationen, darunter der WWF, haben keine Einwände gegen bezahlte Großwildjagd. Im Gegenteil, einige profitieren sogar davon und behaupten– wenn auch oft leise –, dass dies ein wichtiger Bestandteil des Naturschutzes sei.

Hochranginge Umweltschützer selbst sind einem Schuss gegenüber nicht abgeneigt. Der damalige Präsident des WWF-Spanien – der ehemalige König von Spanien – wurde mit einem erlegten Elefanten in Botswana fotografiert. Der Sturm der Entrüstung, der dem Foto folgte, zwang ihn zum Rückzug von seinem WWF-Posten – doch nur, weil das Bild öffentlich geworden war.

Könige können Elefanten jagen, von denen uns gesagt wird, dass sie bedroht sind, aber Buschleute in Botswanas Central Kalahari Game Reserve dürfen nicht jagen um sich zu ernähren – nicht eine einzige der zahlreichen Antilopen, von denen sie seit Menschen Gedenken nachhaltig leben. Es reicht schon, dass man sie der Jagd verdächtigt, und sie können geschlagen und gefoltert werden wie die Baka.

Dies geht schon seit Jahrzehnten so, seit Botswanas Präsident versucht hat, die Buschleute aus der Central Kalahari zu vertreiben. 2014 erließ er ein landesweites Jagdverbot – ausgenommen sind natürlich bezahlte Jagdsafaris. Dies war ein weiterer illegaler Akt im Tarnmantel des Naturschutzes.

Selbst ein eifriger Naturschützer und Vorstandsmitglied der Naturschutzorganisation Conservation International (CI), will Präsident Khama die Region räumen, damit die Wildtiere ungestört leben können. Oder? Dies erscheint seltsam, wurde doch die Umwelt in den letzten zwanzig Jahren deutlich stärker gestört als bisher: Nicht aufgrund der verbliebenen Buschleute: Der Abbau von Rohstoffen schreitet schnell voran und Sie könnten heute einen Diamanten kaufen, der in dem sogenannten Wildtierreservat abgebaut wurde. Diese teuren Zeichen der Liebe, die erstmals um den Valentinstag im Februar 2015 in den Verkauf gingen, spielen heute eine Rolle in der Vernichtung der letzten jagenden Buschleute Afrikas.

Im März war General Ian Khama Gastgeber einer wichtigen Konferenz gegen Wildtierhandel, die auch von United for Wildlife begleitet wird, einem Konsortium der größten Naturschutzorganisationen der Welt, darunter der WWF und CI. Die Versammlung von Umweltschützern, die bei ihrem Umgang mit indigenen Völkern laufend gegen internationales Recht verstoßen, wurde von einem Präsidenten begrüßt, der sich der versuchten Auslöschung der Buschleute schuldig macht. Die Gastgeber der ersten United for Wildflife-Treffen in London waren übrigens die Prinzen William und Harry – beide waren erst am Vortag von einem Jagdausflug aus Spanien zurückgekehrt.

Vor ein paar Jahren sollte südwestlich der Diamantenmine im Central Kalahari Game Reserve eine weitere Buschleute-Gemeinde von ihrem Land vertrieben werden, weil sie die Kühnheit besessen hatte, an dem Ort zu bleiben, an dem CI versucht hatte einen neuen „Wildtier-Korridor“ zu errichten. Offensichtlich hat CI gute Vorsätze und Strategien, darunter auch die Konsultation mit lokalen Anwohnern, weshalb Survival International erfragte, wie die Konsultationen mit den Buschleuten in Ranyane während der langen und teuren Studie zu Botswana denn abliefen. Doch obwohl die Gemeinde mit dem Auto in nur vier Stunden relativ leicht zu erreichen ist, gab CI zu, nie versucht zu haben, die Buschleute überhaupt zu konsultieren.

Xoroxloo Duxee starb, weil die Regierung Botswanas den Buschleuten den Zugang zu ihrem Wasser untersagte.

Xoroxloo Duxee starb, weil die Regierung Botswanas den Buschleuten den Zugang zu ihrem Wasser untersagte.
© Survival

Wenn Sie diese Beispiele überraschen sollten, dann wohl deshalb, weil die Naturschutz-Industrie eine Menge Ressourcen investiert hat, um einige der glaubwürdigsten Marken der Welt hervorzubringen. Diese langwierige Public Relations-Aufgabe umfasst auch das Verwischen und Verstecken (statt einer ehrlichen Auseinandersetzung) der kolonialen, ja sogar rassistischen, Vergangenheit des Naturschutzes. Naturschutz ist zu einer Ware geworden, die riesige Geldbeträge mobilisieren kann und Unterstützer mit einem ähnlich großen Wohlfühlfaktor belohnt – einem, der nicht annähernd so unpolitisch ist, wie man uns glauben macht. Jene, die andeuten, dass „Naturschutz“ nicht so heilig sein mag wie er behauptet, werden als Gotteslästerer und Abtrünnige verunglimpft.

Doch wenn die Naturschutzbewegung eine realistische Chance auf die Erreichung ihrer erklärten Ziele haben soll – von dem ich wohl gemerkt sehr hoffe, dass es ihr gelingt – muss sie geprüft, hinterfragt und entblößt werden: Denn Naturschutz entwirft einen ideologischen Widerspruch zwischen Natur und Mensch, der unsere wirkliche Beziehung zu unserer Umwelt schwer beschädigt. Damit schadet sie sowohl Menschen als letztendlich auch der Natur. „Naturschutz“ zerstört jene Menschen, die ihre Umgebung seit zahllosen Generationen genährt haben – Menschen, die das gestaltet haben, was wir heute fälschlich als „natürlich“ annehmen. Damit arbeitet Naturschutz zu oft gegen seine eigenen Ziele.

Wenn Experten und Wissenschaftler darauf hinweisen und die Naturschutz-Industrie kritisieren, versucht man häufig sie zum Schwiegen zu bringen. Der Journalist und Grimme-Preisträger Wilfried Huismann recherchierte zwei Jahre über den WWF und produzierte den Film Der Pakt mit dem Panda, der teilweise durch gerichtliche Verfügungen blockiert wurde. Sie können sein Buch Schwarzbuch WWF lesen, auch wenn Sie es wohl kaum in Mainstream-Buchhandlungen finden werden. Die Juristen des WWF sind schnell in den Startlöchern.

Dabei sind viele Kritiker der Naturschutz-Industrie selbst engagierte Umweltschützer. Sie wollen ebenfalls verhindern, dass die schönsten und vielfältigsten Regionen des Planeten von der Industrialisierung überrollt werden, die bereits so viel zerstört hat und die viele Menschen in die Armut und Abhängigkeit getrieben hat. Das Problem ist, dass die Naturschutz-Industrie nicht nur daran scheitert dieses Ziel zu erreichen, sie kann sogar in die entgegengesetzte Richtung arbeiten. Nach den Recherchen des Journalisten Huismann verschließt der WWF die Augen vor der Zerstörung riesiger Gebiete in Südostasien und Südamerika für den Anbau von Biotreibstoffen, für den Millionen Liter giftiger Pestizide und Unkrautbekämpfungsmittel eingesetzt werden.

Wenn die Naturschutz-Industrie wirklich damit beginnen will, die weitere Industrialisierung dieser wichtigen Ökosysteme zu verhindern, muss sie doch wohl zuerst die großen Verschmutzer wie Monsanto und BP aus ihren eigenen Vorständen entfernen. Naturschutz muss die illegale Vertreibung indigener Völker aus ihrem angestammten Land stoppen. Er muss aufhören zu behaupten, dass indigene Gebiete eine Wildnis seien, wenn sie doch seit Jahrtausenden von indigenen Gemeinden genutzt und geformt wurden. Er muss aufhören Indigene der Wilderei zu beschuldigen, wenn sie jagen, um ihre Familien zu ernähren. Er muss die Scheinheiligkeit beenden, in der indigene Völker mit Haft, Schlägen, Folter und Tod rechnen müssen, während bezahlte Großwildjagd aktiv unterstützt wird.

Der WWF schloss seine Werbeanzeige mit den Worten „Genug ist genug“ – und ich stimme zu, es ist Zeit für einen Wandel. Leider ist es zu spät für all jene, die der Naturschutz bereits getötet hat, doch auch das, was heute noch passiert, ist illegal, unmoralisch und verdient keine öffentliche Unterstützung. Naturschutz muss endlich aufwachen und einsehen, dass indigene Völker sich besser um ihre Umwelt kümmern als jeder andere.

Trotz der Millionen Euro, die täglich in die Naturschutz-Industrie gepumpt werden, steckt unsere Umwelt noch immer in einer tiefen Krise. Es ist Zeit einzusehen, dass es einen besseren Weg gibt. Zuerst müssen die Rechte indigener Völker anerkannt und respektiert werden – sind sie nicht auch Menschen? Zweitens müssen sie behandelt werden wie die eigentlichen Experten, wenn es um die Verteidigung ihres Landes geht. Und drittens müssen Naturschützer anerkennen, dass sie dabei selbst nur die Juniorpartner sind – nicht die Indigenen, auf deren Land sie arbeiten.

Die wirklichen Gründer der weltweiten Schutzgebiete sind nicht die Ideologen und Evangelisten der Umweltschutzbewegung, sondern indigene Völker, die ihre Landschaften mit dem Wissen und dem Verständnis geformt haben, dass sie über zahllose Generationen gesammelt haben.

© Survival International 2015

Stephen Corry ist Direktor von Survival International, der globalen Bewegung für die Rechte indigener Völker.

Dieser Artikel wurde erstmals in Truthout.org veröffentlicht.