Manche Gruppen in Deutschland behaupten, dass sie als Teil eines „germanischen Stammes“ wie ein indigenes Volk zu behandeln seien. In diesem Zusammenhang fordern sie beispielsweise das Recht auf bestimmte Gebiete, Befreiung von der Schulpflicht und eine eigene Staatsbürgerschaft. Diese Gruppen werden auch als „Selbstverwalter*innen“ bezeichnet, teilweise stehen sie den sogenannten „Reichsbürger*innen“ nahe. 

Entgegen ihrer eigenen Darstellung handelt es sich bei „Selbstverwalter*innen“ nicht um indigene Völker. „Selbstverwalter*innen“ können sich daher auch nicht auf das durch die Bundesrepublik Deutschland am 23.06.2021 ratifizierte ILO-Abkommen 169, das die (Land-)Rechte indigener Völker weltweit schützt, berufen. 

Besonders deutlich wird dies anhand der fehlenden Erfahrung von Unterdrückung, die ein wichtiges Definitionsmerkmal für indigene Völker ist: Gewalt und Landraub durch die dominierende (Mehrheits-)gesellschaft haben das politische Selbstverständnis und die Identität indigener Völker geprägt. Von sogenannten „Selbstverwalter*innen”“ hingegen wird Diskriminierung und Enteignung durch andere nur behauptet, etwa weil sie sich durch staatliche Besteuerung unterdrückt fühlen. Auch wenn es zum Kern ihres Glaubens zählt, sich als bedrohte Minderheiten zu sehen, so gibt es hierfür keine historischen oder belegbaren Fakten. Die Situation von Mainstream-Europäer*innen, die in ihren eigenen Ländern die dominante Bevölkerung, entspricht nicht der Lage indigener Völker – so sehr dies in der Vorstellung einiger „Selbstverwalter*innen“ auch der Fall sein mag.

Auch in rechtsextremen Kreisen werden die hart erkämpften Rechte indigener Völker mitunter für das eigene Weltbild instrumentalisiert. Anhänger*innen von rechtsextremen Überzeugungen versuchen, den Einsatz für die Landrechte von Minderheiten und indigenen Völkern mit ihrem eigenen politischen Extremismus in einen Zusammenhang zu stellen. Das Argument lautet: „Wenn indigene Völker wie die Sentinelesen jene töten, die in ihr Gebiet eindringen, und wenn ihr Land allein für sie geschützt ist – haben wir dann nicht ebenso das Recht, Außenstehende daran zu hindern unser Land zu betreten? Und sollte das Land dann nicht ebenfalls für uns allein geschützt werden?“
 
Dabei handelt es sich jedoch um eine menschenfeindliche Umkehrung der eigentlichen Situation: Indigene Völker sind in ihren Ländern in aller Regel Minderheiten und benötigen Schutz gegenüber der Mainstream-Gesellschaft. Denn wenn das Land indigener Völker nicht geschützt wird, dann droht ihnen eine Katastrophe. Im Gegensatz dazu strebt rechte Ideologie eine dominante Mehrheit und die Beseitigung schwächerer Minderheiten an. Schon als die NSDAP in den 1930er Jahren die Losung „Ein Volk, ein Reich, ein Führer“ ausgab, war dies ein Angriff auf jede Person, die die Nazis für vermeintlich „anders“ hielten und nicht ihrem Bild von „Mainstream“-Deutschen entsprach. In dieser Tradition stehen auch heutige Vergleiche von Deutschen zu indigenen Völkern.

Für uns bei Survival International ist die Vielfalt der Menschheit eine wesentliche und unerlässliche Stärke für unser aller Zukunft. Deshalb kämpfen wir gegen eine Welt, in der das Recht der Stärkeren gilt und wir distanzieren uns klar von Hilfegesuchen durch „Selbstverwalter*innen“, internationale Abkommen wie die ILO 169 in deren Namen und für ihren Zweck durchzusetzen. 

 

 

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