Brasilien: Gewalt, Tod und Krankheit bedrohen die Yanomami in Brasilien weiterhin

7 August 2023

Ibama-Mitarbeitende zerstören ein Flugzeug und ein Lager, das von illegalen Goldgräber*innen im Yanomami-Gebiet genutzt wurde. © Ibama

Sechs Monate nachdem die brasilianische Regierung ihre Notfallmaßnahmen zur Beseitigung illegaler Goldgräber*innen und zur Bewältigung der humanitären Krise im Yanomami-Gebiet eingeleitet haben, sind die Ergebnisse durchwachsen: Viele Yanomami leiden weiterhin unter den Folgen der jahrelangen Invasion und Gewalt.

Drei Yanomami- und Ye'kwana-Organisationen haben am 2. August einen Bericht über die Notfallmaßnahmen mit dem Titel „Wir leider immer noch“ veröffentlicht. Darin werden zwar die erzielten Fortschritte gewürdigt, aber auch ernste Bedenken hinsichtlich der weiterhin prekären Lage in einigen Regionen geäußert, da sich immer noch bewaffnete Minenarbeiter*innen in dem Gebiet aufhalten. Außerdem wird darauf hingewiesen, dass Malaria, Unterernährung und Atemwegserkrankungen noch immer das Leben vieler Menschen beeinträchtigen.

Der Bericht enthält 33 Empfehlungen und fordert die Behörden auf, die Yanomami und Ye'kwana zu konsultieren und mit ihnen zusammenzuarbeiten. 

Die Anführer*innen der Yanomami und der Ye'kwana trafen sich im Juli, um die Situation zu erörtern, und stellten in einer Erklärung fest, dass „die Ergebnisse der bisher ergriffenen Maßnahmen bei weitem nicht ausreichend sind. Die Bergleute dringen weiterhin in unseren Wald ein und zerstören ihn. Wir sterben immer noch an der mangelnden medizinischen Versorgung, sowohl innerhalb als auch außerhalb unseres Territoriums, wenn unsere Verwandten in die Stadt gebracht werden und dort leiden.“

Illegal agierende Bergleute werden von Ibama-Mitarbeitenden und anderen aus dem indigenen Territorium der Yanomami ausgewiesen. © Força Nacional Brasileira

Die Regierung von Bolsonaro hat den illegalen Bergbau in indigenen Gebieten aktiv gefördert und erleichtert; bis 2022 waren mehr als 60 % der Yanomami-Bevölkerung vom Bergbau betroffen, was verheerende Folgen für ihre Gesundheit und ihre Lebensgrundlage hatte. Der Bergbau ist für einen Großteil der Ausbreitung von Malaria verantwortlich, da sich die Mückenlarven in den stehenden Gewässern in den von den Bergleuten geschaffenen riesigen Gruben vermehren.

Die von der Regierung Lula Anfang Februar eingeleitete Operation zielte darauf ab, die schätzungsweise 25.000 illegal agierenden Bergleute zu entfernen. Es wurden erhebliche Fortschritte erzielt, und im vergangenen Monat erklärte die Ministerin für indigene Völker, Sonia Guajajara, dass 82 % der Bergleute aus dem Gebiet entfernt worden seien.  

Es verbleiben jedoch große Gruppen bewaffneter Bergleute und krimineller Banden, die sich der Räumung gewaltsam widersetzen, um weiterhin Gold abzubauen, und die Gemeinden terrorisieren. Berichten zufolge verstecken sie ihre Ausrüstung und arbeiten nachts, um nicht entdeckt zu werden.

Goldgräber*innen wurden in der Nähe der Moxihatetea, einer Gruppe unkontaktierter Yanomami, gesichtet. Luftbild eines der Gemeinschaftshäuser der Moxihatetea. © Guilherme Gnipper Trevisan/FUNAI/Hutukara

Bei einem Einsatz im Februar wurde ein Bergbaulager in unmittelbarer Nähe einer Gemeinschaft unkontaktierter Yanomami, den Moxihatatea, zerstört, die besonders durch die Bergleute gefährdet waren. Ihr Schicksal ist unbekannt – ein Luftbild ihres großen yanos (Gemeinschaftshaus) zeigt, dass es leer, aber in gutem Zustand ist. Jeder Kontakt zwischen ihnen und den Bergleuten könnte tödlich sein, da sie keine Abwehrkräfte gegen verbreitete Krankheiten wie Grippe haben.

Anfang Juli wurden ein fünfjähriges Yanomami-Mädchen getötet und mehrere Yanomami verwundet, als Bergleute eine Gemeinde in der Region Parima angriffen. Am 30. April wurden drei Yanomami in der Gemeinde Uxiu von Bergleuten erschossen – einer starb kurz nach dem Angriff.

Bergleute haben auch Beamt*innen der Bundespolizei und des Umweltministeriums angegriffen, wobei es auf beiden Seiten zu Todesfällen kam. Ein Stützpunkt, der einen der Hauptzugänge zum Territorium kontrolliert, wurde seit seiner Eröffnung am 20. Februar mindestens fünfmal angegriffen.

Eine der vielen illegalen Goldminen im Gebiet der Yanomami. © FUNAI

Trotz der Bemühungen des Gesundheitsministeriums, das ein Notfall-Krankenhaus im Herzen des Territoriums errichtet hat, ist der Gesundheitszustand vieler Yanomami und Ye'kwana-Gemeinschaften nach wie vor kritisch. Die Menschen sterben immer noch an vermeidbaren Krankheiten.

Nach Angaben der Behörden sind seit Januar 157 Yanomami gestorben – die meisten waren weniger als 5 Jahre alt. Die tatsächliche Zahl wird wesentlich höher sein, da die Zahl der Todesfälle oftmals nicht gemeldet wird und somit die Dunkelziffer groß ist. Viele Kinder werden immer noch wegen Unterernährung behandelt.

Die Ernährungssicherheit ist ein großes Problem – viele Yanomami sind entweder durch Malaria und Atemwegserkrankungen zu geschwächt, um ihre Felder zu pflegen und ihre Familien zu ernähren, oder ihre Gärten sind durch den Bergbau gänzlich zerstört worden. Eine Yanomami-Frau aus Uxiu sagte: „Wir sind alle krank und dünn mit aufgeblähten Bäuchen. Es gibt keine Nahrung mehr im Wald, weil der Wald zerstört ist.“

Eine Yanomami-Frau aus Papiu erklärte: „Die Minenarbeiter*innen kommen immer näher, deshalb können wir nicht in unsere Gärten gehen und Maniok sammeln. Malaria hat sich überall ausgebreitet, es ist sehr schlimm.“

Malaria ist immer noch weit verbreitet und hat weiterhin tödliche Auswirkungen. Die lebenswichtige medizinische Versorgung erreicht die abgelegenen Gemeinden nicht, weil es an Infrastruktur fehlt, einige Gesundheitsstationen weiterhin geschlossen sind und das Gesundheitspersonal wegen der immer noch operierenden bewaffneten Gruppen um seine Sicherheit besorgt ist.

Untersuchungen der Bundespolizei ergaben, dass die Flüsse im Yanomami-Territorium hochgradig mit Quecksilber verseucht sind – 8600 % über den zulässigen Grenzwerten – und dass die indigene Bevölkerung in 14 Regionen des Yanomami-Territoriums extrem mit Quecksilber belastet ist.

Als Reaktion auf die Bedenken der Yanomami und Ye'kwana erklärt das Ministerium für indigene Völker: „Wir erkennen an, dass es im Yanomami-Territorium noch Probleme gibt, die gelöst werden müssen, aber der Wiederaufbau der Schäden, die durch jahrelange Vernachlässigung entstanden sind, braucht Zeit.“

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