Italien: Anführer der Ayoreo aus Paraguay protestieren gegen die Lederindustrie, die ihren Wald zerstört
27 April 2026

Zwei Anführer der Ayoreo Totobiegosode aus dem paraguayischen Chaco – Porai Picanerai und Darajidi Rosalino Picanerai – reisten letzte Woche erstmals nach Italien, um auf die Verbindung von Lederimporten und der Zerstörung ihres angestammten Regenwaldes aufmerksam zu machen.
Die beiden Totobiegosode protestierten gemeinsam mit Survival International und Unterstützenden am Freitag vor dem italienischen Gerberverband UNIC.
Italien ist das weltweit wichtigste Abnehmerland für paraguayisches Leder. Es bezieht mehr als die Hälfte der globalen Lederexporte Paraguays und 99 % der für die EU bestimmten Lieferungen. Viele Gerbereien in Paraguay arbeiten mit Viehzuchtbetrieben, die Land der Ayoreo Totobiegosode illegal besetzen und entwalden.
Recherchen von Survival International und Earthsight ergaben, dass Leder, das auf illegalen Rinderfarmen innerhalb des Territoriums der unkontaktierten indigenen Ayoreo Totobiegosode in Paraguay produziert wird, von europäischen Lederherstellern gekauft wird.

Ein Treffen mit den Ayoreo lehnte der Verband der italienischen Gerber ab, was diese scharf kritisierten. Generaldirektorin Fulvia Bacchi nahm jedoch ein Schreiben der Protestierenden entgegen.
Die indigene Delegation wurde jedoch vom Vatikan, vom italienischen Außenministerium sowie vom Menschenrechtsausschuss des italienischen Parlaments empfangen.
Der parlamentarische Ausschuss sagte im Anschluss an das Treffen zu, den Appell der Ayoreo zu unterstützen.
Pasubio, einer der größten italienischen Lederhersteller, stellte 2023 nach Gesprächen mit Survival International aufgrund dieser Menschenrechtsbedenken den Import paraguayischen Leders ein.
Das Gebiet der Ayoreo Totobiegosode liegt in der paraguayischen Chaco-Region, wo die Abholzungsrate höher ist als irgendwo sonst auf der Welt.

Der Besuch in Italien erfolgt zu einem kritischen Zeitpunkt: Die Europäische Kommission wird bis Ende April die EU-Verordnung gegen Entwaldung (EUDR – European Deforestation-free Regulation) überprüfen. Die italienische Gerbindustrie übt – auch über die italienische Regierung – Druck aus, Leder aus der Liste der regulierten Produkte zu streichen, die entlang der Lieferkette vollständig rückverfolgbar sein müssen.
Porai Picanerai wandte sich an europäische Verbraucher*innen: „Bitte stellen Sie sicher, dass das Leder, das Sie kaufen, nicht aus gerodeten indigenen Gebieten stammt. Wenn die Menschen hier in Europa wüssten, dass unser Volk (unsere unkontaktierten Verwandten) aufgrund der Abholzung bald sterben könnte, würden sie – sofern sie anständig sind – kein paraguayisches Leder kaufen wollen.“
Darajidi Rosalino Picanerai sagte: „In unserem Gebiet gibt es massive Abholzung, und wir sowie unsere isolierten Brüder und Schwestern brauchen den Wald zum Überleben. Wir sind gekommen, um Hilfe zu erbitten, weil uns in unserem Land niemand zuhört. Der gesamte Chaco ist von Abholzung und Rinderzucht für Fleisch und Leder durchzogen. Wir haben erfahren, dass Ihr Land, Italien, dieses Leder kauft. Wir bitten Sie: Kaufen Sie dieses Leder nicht, solange die indigenen Gebiete nicht in indigener Hand sind.“
Francesca Casella, Direktorin von Survival International Italien, erklärte: „Dies ist keine Kampagne gegen Leder an sich, sondern gegen die vollständige Zerstörung der Wälder indigener Völker. Survival International fordert die italienischen Gerbereien auf, den Import von Leder einzustellen, das aus von indigenen Gemeinden geraubten Land stammt. Die Branche muss moralische Verantwortung für eine Lieferkette übernehmen, die die Umwelt zerstört und den Ayoreo Totobiegosode ihr Land raubt.
Es geht um mehr als ein Prinzip. Für die Ayoreo-Gruppen und ihre unkontaktierten Verwandten ist es eine Frage von Leben und Tod.“
Hinweise an die Redaktion:
- Im März blockierten die Ayoreo eine Zugangsstraße, um auf ihre Lage aufmerksam zu machen und Verbesserungen ihrer Lebenssituation zu erreichen.
- Das Volk der Ayoreo zählt etwa 5.000 Angehörige in Paraguay und Bolivien. Eine Untergruppe, die Ayoreo Totobiegosode, wurde ab 1979 im Rahmen von „Menschenjagden“ zwangsweise kontaktiert. Porai und Darajidi gehören zu dieser Gruppe. Andere Totobiegosode widersetzen sich bis heute dem Kontakt zur Außenstehenden.
- Die kontaktierten Ayoreo Totobiegosode beanspruchen seit 1993 die Eigentumsrechte an diesem Gebiet, um ihr Kernterritorium und ihre unkontaktierten Verwandten zu schützen. Sie haben für Teile davon Landtitel erhalten, doch die paraguayische Regierung hat zugelassen, dass große Flächen für Viehzucht und Agrarindustrie zerstört werden und Eindringlinge nicht ausgewiesen werden.
- In einem aktuellen Bericht („Am Limit: Unkontaktierte Völker im Kampf um Selbstbestimmung“) warnt Survival International, dass die Hälfte der weltweit 196 unkontaktierten Völker innerhalb von zehn Jahren ausgelöscht werden könnte, wenn nicht gehandelt wird.



