Survival kritisiert Science-Leitartikel: „gefährlich und irreführend“ 5 Juni 2015

Anthropologen werden für ihre Befürwortung der Kontaktaufnahme mit sehr verletzlichen, unkontaktierten Völkern kritisiert, die ihrer Ansicht nach „auf lange Sicht nicht lebensfähig“ seien.
Anthropologen werden für ihre Befürwortung der Kontaktaufnahme mit sehr verletzlichen, unkontaktierten Völkern kritisiert, die ihrer Ansicht nach „auf lange Sicht nicht lebensfähig“ seien.
© G. Miranda/FUNAI/Survival

Survival International, die globale Bewegung für die Rechte indigener Völker, kritisiert einen Leitartikel der neuen Ausgabe der Fachzeitschrift Science als „gefährlich und irreführend“. Im Artikel sprechen sich die Autoren dafür aus, Kontakt mit abgeschieden lebenden indigenen Völkern zu deren eigenem Vorteil herzustellen.

Die Autoren, Professor Robert S. Walker und Professor Kim R. Hill, behaupten, dass „eine gut geplante Kontaktaufnahme ziemlich ungefährlich sein kann”. Dennoch verliefen die Kontaktaufnahmen, die sie als Beispiele wählen, um ihre Argumente zu veranschaulichen, katastrophal und endeten für viele Indigene mit dem Tod.

Die Annahme, dass der Kontakt mit diesen indigenen Völkern gut verlaufen wird, solange ausreichende Sicherheitsvorkehrungen getroffen werden, ist auf gefährliche Art und Weise naiv. Brasilien verfügt über mehr Fachwissen in diesem Bereich als jedes andere Land. Dennoch sind zwei erst kürzlich kontaktierte Awá-Frauen lebensgefährlich an Tuberkulose erkrankt, da sie über Monate hinweg keinen Zugang zu einer angemessenen Gesundheitsversorgung hatten, nachdem sie kontaktiert worden waren.

Jakarewyj und ihre Schwester Amakaria waren im Dezember 2014 dazu gezwungen worden, Kontakt mit Außenstehenden aufzunehmen. Da die brasilianischen Behörden daraufhin keine angemessene Gesundheitsversorgung bereitgestellt hatten, sind die Frauen nun lebensgefährlich an Tuberkulose erkrankt.
Jakarewyj und ihre Schwester Amakaria waren im Dezember 2014 dazu gezwungen worden, Kontakt mit Außenstehenden aufzunehmen. Da die brasilianischen Behörden daraufhin keine angemessene Gesundheitsversorgung bereitgestellt hatten, sind die Frauen nun lebensgefährlich an Tuberkulose erkrankt.

© Survival International, 2015

Walker und Hill kommen außerdem zu dem Schluss, dass isoliert lebende Völker nicht „auf Dauer lebensfähig sind“. Gleichzeitig erkennen die Autoren jedoch an, dass es ungefähr 50 solcher Völker in Südamerika gebe (tatsächlich sind es jedoch mehr). Sie erklären zudem nicht, warum diese Völker nicht „lebensfähig“ seien, obwohl diese gut zu leben scheinen.

Die Aussagen der Anthropologen wären für das wahrscheinlich am isoliertesten lebende Volk der Welt – die Sentinelesen im Indischen Ozean – wahrhaftig eine Neuigkeit. Die Angehörigen dieses Volkes leben seit mindestens 15.000 Jahren auf ihrer Insel und sind offensichtlich „lebensfähig“ und gesund.

Von dem, was aus der Ferne zu sehen ist, sind die auf der Insel wohnenden Sentinelesen sehr gesund und es geht ihnen gut. Das ist ein starker Gegensatz zu den Großen Andamanesen auf den benachbarten Inseln, denen die Briten die „Zivilisation“ bringen wollten.
Von dem, was aus der Ferne zu sehen ist, sind die auf der Insel wohnenden Sentinelesen sehr gesund und es geht ihnen gut. Das ist ein starker Gegensatz zu den Großen Andamanesen auf den benachbarten Inseln, denen die Briten die „Zivilisation“ bringen wollten.
© Indian Coastguard/Survival

Der Direktor von Survival International, Stephen Corry, sagte heute dazu: „Walker und Hill spielen direkt in die Hände derer, die das Amazonasgebiet für Rohstoffgewinnung und ‘Investitionen’ zugänglich machen wollen. Ihre Behauptung, dies sei im eigenen Interesse dieser Völker, ist gefährlicher und irreführender Unsinn.“

„Die vielleicht anstößigste Rechtfertigung für die gewaltsame Herstellung von Kontakt mit abgeschieden lebenden Völkern ist ihre Aussage, dass ‘sich überlebende indigene Völker schnell vom Rückgang ihrer Bevölkerungsanzahl erholen würden’. Der lockere Ton, mit dem die Autoren den Tod von unzähligen Männern, Frauen und Kindern von der Hand weisen, ist zutiefst beunruhigend.“

„Es gibt keinen Zweifel: Unkontaktierte Völker sind durchaus lebensfähig, solange ihr Land geschützt ist. Zu glauben, wir hätten das Recht, in ihr angestammtes Land einzudringen und Kontakt mit ihnen herzustellen – ob sie diesen wollen oder nicht, und mit all den möglichen Konsequenzen – ist schädlich und arrogant. Die Entscheidung, ob Kontakt aufgenommen werden soll oder nicht, muss bei den betroffenen Menschen selbst liegen und nicht bei Außenstehenden, die glauben zu wissen, was das beste für die Indigenen sei.”

Ein Guajajara-Mann, der dafür kämpft das Gebiet der benachbarten Awá zu schützen, sagte: „Es ist einfach: Die unkontaktierten Awá brauchen ihren Wald. Er ist ihre Heimat, und niemand hat das Recht, sie ihnen wegzunehmen oder sie daraus zu vertreiben. Ohne ihr Land werden unsere unkontaktierten Verwandten nicht überleben.”

Und Wamaxua, ein erst vor kurzem kontaktierter Awá-Mann, sagte zu Survival: „Als ich im Wald lebte, hatte ich ein gutes Leben. Wenn ich heute unkontaktierten Awá im Wald begegne, werde ich sagen: ‘Geht nicht weg! Bleibt im Wald … Es gibt draußen nichts für euch.’”

Hinweis an die Redaktion:

- Schauen Sie die Videos und lesen Sie mehr über unkontaktierte Völker auf Survivals Webseite oder (auf Englisch) unter www.uncontactedtribes.org

 

Nachrichtenbericht teilen

 

Werden Sie für unkontaktierte Völker Brasiliens aktiv

Ihre Unterstützung ist von großer Bedeutung. Es gibt verschiedenste Möglichkeiten der Hilfe:

Abonnieren

Hier können Sie sich eintragen, wenn Sie eine monatliche E-Mail mit Neuigkeiten über indigene Völker erhalten möchten:

Abonnieren Sie unsere Newsfeeds:

 

oder folgen Sie uns im Netz:

News-Archiv