Land der Mursi von Regierung bedroht

Die Mursi sind der Gefahr ausgesetzt, dass Ihnen der Zugang zu Ländereien in den Omo und Mago Nationalparks in Südäthiopien, von welchen sie für Ackerbau und Rinderhaltung abhängig sind, verwehrt wird. Obwohl die Parks schon vor über 30 Jahren eingerichtet wurden, leitet die äthiopische Regierung erst jetzt dringende Schritte für die rechtliche Festlegung der Grenzen ein. Dies ist die Folge eines Einvernehmens mit der African Parks Foundation, einer privaten gemeinnützigen Organisation mit Sitz in den Niederlanden, die im Laufe dieses Jahres das Management des Omo Nationalparks übernehmen wird.

Die Parks, die sich auf eine Fläche von über 6.200 Quadratkilometern erstrecken, sind das Zuhause von ungefähr 20.000 Menschen verschiedener Stammesvölker. Die Mehrheit dieser Menschen gehören zum Stamm der Mursi. Dieser Stamm ist bekannt für die von Frauen getragenen Lippenteller.

„Jetzt will [die Regierung] dieses Land ohne unsere Erlaubnis an sich nehmen", sagte Ulikoro, ein Stammesmitglied der Mursi, in einer Hilfe suchenden Botschaft an Aussenstehende. „Wir können nichts gegen den Nationalpark tun, der unser Land vereinnahmen wird. … Vielleicht wird die Regierung kommen und uns erschiessen."

Laut Ulikoro haben Regierungsbeamte den Mursi vergangenen März gesagt, sie und ihre Rinder sollten in das Maganto Gebiet ziehen und dort leben. Die Regierung sagt, dass vier Brunnen im Elma Fluss die Versorgung aller benötigter Wassermengen sicher stellen wird.

In diesem Fall würde das heutige Territorium der Mursi auf einen kleinen Teil ausserhalb der Parkgrenzen reduziert werden. Ihre heutige Wirtschaftsweise wäre dadurch empfindlich gestört. Sie basiert auf einer halbnomadischen Mischung aus Rinderhaltung, einer Flussuferbewirtschaftung nach Überschwemmungen des Omo Flusses sowie einer Buschlandbewirtschaftung nach der Hauptregenzeit. Es wird gesagt, dass vier Brunnen im Maganto Gebiet (diegleichen, auf die sich Ulikoro bezog) gebohrt werden sollen, um eine kontinuierliche Wasserversorgung als Vorbereitung auf eine permanente Siedlungsweise sicherzustellen. Aber dies würde den Mursi ihre fruchtbarsten Flächen entlang der Ufer des Omo Flusses entziehen. Ausserdem würden ihnen die Hauptweideflächen der Trockenzeit genommen und ihre Weidewirtschaft dadurch geschwächt werden. Für die Mursi ist Vieh eine lebensnotwendige Ressource, nicht nur als eine Quelle für Milch und Fleisch, sondern auch weil es in Zeiten von Ernteausfällen im Hochland in Getreide eingetauscht werden kann.

Da ihre traditionelle Lebensweise empfindlich gestört werden würde, wären die Mursi zukünftig auf Lebensmittelhilfe angewiesen. Die hohen Rinderdichten um die wenigen Bohrlöcher würden bald ein Staubbecken zur Folge haben, so wie es in vielen anderen Teilen Afrikas schon geschehen ist. Dies wäre das ironische Resultat des Wirkens einer Naturschutzorganisation.


Laut der Aussagen einiger Männer der Mursi haben Beamten des Mago Parks ihnen im März mitgeteilt, dass sie Kon Ba, eines ihrer Dörfer am Mago River, aufgeben müssten weil es sonst „ein grosses Feuer im Dorf" geben würde. Der Leiter des Mago National Parks sagte letzten März, dass die African Parks Foundation nicht nur die Lokalbevölkerung aus den Omo und Mago Parks entfernt haben möchte, sondern ausserdem den Park mit einem elektrischen Zaun gegen Landbesetzer und Wilderer zu schützen plant. Dies wurde daraufhin von African Parks bestritten.

African Parks verwaltet zur Zeit Nationalparks in Zambia, Südafrika, Malawi und einen weiteren Park in Äthiopien (Nech Sar). Zu seinen Geldgebern zählen die Walton Foundation (eine Stiftung der Familie, die hinter Wal-mart steht) und das U.S. Department of State (das Auswärtige Amt der USA).

Die Situation verkompliziert sich dadurch, dass das Umland der Omo und Mago Parks von verschiedenen bewaffneten Stämmen besiedelt wird, deren gespannte Beziehungen häufig in Konflikten münden. „Die äthiopische Regierung sollte sich wegen der Aussichten auf noch mehr Gewalt grosse Sorgen machen, wenn sie die offensichtliche Politik der Bevölkerungsentfernung aus dem Omo/Mago Gebiet weiter verfolgt," sagt David Turton, ein britischer Anthropologe, der mehr als 30 Jahre Erfahrung in der Arbeit mit den Mursi hat. „Jeder Versuch das Gebiet der Mursi zu beeinträchtigen wird den existierenden Druck auf die Ressourcen der Flussniederungen des Omos anheizen."

Soweit hat weder die äthiopische Regierung, noch African Parks angedeutet, dass sie über diese Aussichten besorgt sind. Entsprechend eines Berichtes eines Augenzeugens haben Beamte der Hauptstadt des Southern Regional State im März dieses Jahres eine „Feier" in der Zentralverwaltung des Omo Parks veranstaltet, um die neuen Parkgrenzen abzustecken und ihre rechtliche Ratifizierung vorzubereiten. Während das Bier floss wurden angebliche „Vertreter" der Mursi darum gebeten den Grenzen im Namen des ganzen Stammes zuzustimmen, indem sie mit ihren Daumenabdrücken die Dokumente, welche sie nicht lesen konnten, unterschrieben.

African Parks hat die Verwaltung des Nech Sar Nationalparkes im südlichen Äthiopien im Februar 2005 übernommen, nachdem eine entsprechende Übereinkunft mit der äthiopischen Regierung im Februar 2004 unterzeichnet wurde. Im November 2004 wurden von Regierungsbeamten des Parkes und lokaler Polizei 463 Häuser der Guji innerhalb der Parkgrenzen niedergebrannt. Gemäss eines Berichtes von Refugees International war das Ziel die Guji Anwohner aus dem Park zu zwingen. „Wir hören normalerweise Nachrichten im Radio, auch wenn ein einziges Haus von Kriminellen niedergebrannt wird. Wir hören Berichte über jede Art von Verbrechen. In unserem Fall verloren wir 463 Häuser, aber darüber wurde überhaupt nichts berichtet," sagte ein Stammesmitglied der Guji.

Im Jahresbericht 2004 von African Parks heisst es, die "Umsiedlung der Völker der Kore und Guji war eine interne Angelegenheit des Bundes und der regionalen Regierungen. African Parks hat mit dieser Sache nichts zu tun."


Refugees International sagt, dass einige Guji, darunter auch diejenigen, deren Häuser niedergebrannt wurden, südlich des Parks zusammen mit den Kore wieder angesiedelt wurden. Mehr als 5.000 Guji verbleiben noch eingezwängt im äussersten Nordteil des Parkes. Die Guji sagen, die Beamten des Nech Sar Parks haben ihnen mitgeteilt, dass sie, wenn sie nicht freiwillig gehen würden, gezwungen werden und dass der Park von einem elektrischen Zaun umgeben werde, sobald sie ihn verlassen haben.

Paul von Vlissingen, ein holländischer Millionär, der African Parks gegründet hat, beteuerte, dass sein Unternehmen keine Absicht hat die Menschen aus den Omo und Mago Parks zu vertreiben und hat sich von den Versuchen der Regierung, Räumungen in Nech Sar zu erzwingen, eindeutig distanziert.

"African Parks war niemals und wird niemals in Fragen politischer Natur wie der der Umsiedlung von Menschen verstrickt sein," sagte er nachdem Refugees International über die Niederbrennung von Häusern in Nech Sar berichtet hatte.

Survival hat den äthiopischen Behörden in einem Brief Bedenken zum Ausdruck gebracht und drängt sie, die Landrechte der Mursi aufrecht zu erhalten.

Von Will Hurd


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